1908: Antisemitismus heute

Samuel Salzborn, geb. 1977, ist Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher. Sein letztes Buch hat den Titel „Angriff der Antidemokraten – Die völkische Rebellion der Neuen Rechten“. Er ist Gastprofessor an der TU Berlin. In einem Interview mit Alex Rühle (SZ 2.3.18) beschreibt er den gegenwärtigen Antisemitismus.

Über den Antisemitismus der AfD:

„Man findet offen antisemitische Äußerungen auf allen Ebenen der Partei. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der sich immer wieder antisemitisch geäußert hat, wurde nicht ausgeschlossen. Es gibt auch keine Kritik an antisemitischen Äußerungen. Dazu kommen der Geschichtsrevisionismus von Björn Höcke und Alexander Gaulands extrem verharmlosende Äußerungen über die Wehrmacht, die ja immerhin den antisemitischen Vernichtungskrieg geführt hat. Das alles wird in der Partei toleriert. Jede förmlich Distanzierung der AfD vom Antisemitismus ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht, weil sie in eklatantem Widerspruch zur Praxis der Partei steht.“

Über den Kern des Antisemitismus:

„Antisemiten vertreten ihre antisemitischen Vorstellungen nicht neben anderen Vorstellungen, denen man mit Argumenten noch beikommen könnte. Der Antisemitismus hat in der Moderne für viele Menschen die Funktion, scheinbar die gesamte Welt zu erklären. Er wird nicht geglaubt, obwohl, sondern weil er falsch ist. Er liefert ein allumfassendes Erklärungssystem, mit dem die unübersichtliche, fragmentierte Welt sortier- und erklärbar scheint, gerade auch in ihren Widersprüchlichkeiten.“

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