1898: Bricht der Westen zusammen ?

Yuval Noah Hariri, 41, forscht und lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und schreibt Kolumnen für die Zeitung „Haaretz“. Er gehört zu den begehrtesten Zukunftsforschern auf der Welt. Ich habe ihn erst kürzlich kennengelernt. Hier fasse ich seine Aussagen in einem Interview mit Andrea Rexer (SZ 15.2.18) in 20 Thesen mit meinen Worten zusammen, sonst wird es zu lang.

1. Krieg hat sich heute zu einer handhabbaren Herausforderung gewandelt. Weithin haben die Menschen gelernt, Kriege zu vermeiden.

2. In erster Linie haben die vorhandenen Atomwaffen Krieg zum kollektiven Selbstmord gemacht. Heute ist Wissen das wichtigste Wirtschaftsgut, nicht mehr Land, Sklaven, Rinder usw. Man kann durch Krieg kein Wissen erobern.

3. In landwirtschaftlichen Gesellschaften wurden 15 Prozent aller Todesfälle durch menschliche Gewalt verursacht. Heute nur noch 1,5 Prozent.

4. Wenn heute ein Krieg ausbricht, ist es die Schuld unverantwortlicher Führer und nicht der menschlichen Natur.

5. Wir werden nicht gegen die Computer kämpfen, sondern uns mit ihnen verbünden. Heute bereits verschmelzen die Menschen mit ihren Smartphones und Facebook-Accounts.

6. Bis 2050 werden biometrische Sensoren in unseren Körper eingebettet und überwachen unsere Herzfrequenz, unseren Blutdruck und unsere Gehirntätigkeit etc.

7. Die Kämpfe der Zukunft gehen um die Kontrolle von Daten.

8. Die drei Hauptprobleme der Welt sind: a) die globale Erwärmung, b) die globale Ungleichheit und c) gefährliche Technologien. Sie können nur global bewältigt werden. Nationale Alleingänge sind zum Scheitern verurteilt.

9. Beängstigend ist, dass die bisher führende westliche Welt zusammenbricht, aber noch keine Alternative existiert.

10. Bei Misserfolgen wird die Schuld auf Sündenböcke geschoben wie Minderheiten, Einwanderer und Ausländer.

11. Alarmierend  sind angesichts der globalen Strukturen der erstarkende Nationalismus und der Protektionismus.

12. Ich habe immer wieder versucht, an Gott zu glauben, aber es ist mir nicht gelungen.

13. Wir müssen verstehen lernen, wie Bewusstsein und Verstand funktionieren.

14. Wir werden immer besser darin, den Verstand zu manipulieren. Das ist eine große Gefahr. Wenn man Ärger verstehen will, muss man Ärger untersuchen, nicht Neuronen beobachten.

15. Wenn Gehirn und Verstand nicht das Gleiche sind, ist es um so wichtiger, von beiden Seiten zu forschen.

16. Menschenrechte müssen ökonomisch unterstützt werden. Es ist kein Widerspruch, sich für mehr Vielfalt im Management einzusetzen und mehr Profit machen zu wollen. Die Technologie ist niemals deterministisch. Sie lässt den Menschen die Wahl.

17. In Europa sind viele starke soziale Puffer eingebaut, die sich eignen, Krisen zu bewältigen.

18. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird de facto nur auf nationaler Ebene diskutiert. Aber die US-Amerikaner werden niemals für Arbeiter in Bangladesh zahlen.

19. Wir müssen nicht Arbeitsplätze retten, sondern Menschen. Wenn es einen Weg gibt, dass Menschen ein sinnvoles Leben führen können, ohne Jobs zu haben, wäre das doch wunderbar.

20. Kinder großzuziehen wird nicht bezahlt, ist aber in höchstem Maße sinnstiftend. Die wichtigste Fähigkeit für die Zukunft ist, uns permanent auf Veränderungen einzustellen.

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