1. Sehr vielen, mit denen ich spreche, steckt der Schock über das AfD-Wahlergebnis noch in den Knochen.
2. Unsere Gesellschaft hat durchaus Erfolge vorzuweisen: z.B. eine höhere Lebenserwartung, eine niedrigere Kindersterblichkeit, mehr materiellen Wohlstand. Wir kennen die Kosten, die kommende Generationen zu tragen haben, wie den Klimawandel oder die ungeklärte Endlagerung von Nuklearabfällen.
3. Die Errungenschaften der westlichen Demokratien werden manchmal selbst von solchen Menschen abgelehnt, die deren Erfolge nicht glaubhaft leugnen können.
4. 40 Jahre Kommunismus (real existierender Sozialismus) lassen sich nicht von heute auf morgen überwinden. Hier liegt der Hauptgrund für unser Bundestags-Wahlergebnis.
5. Noch nicht gelungen ist in unserer Gesellschaft eine gerechte Verteilung (Einkommen, Gehälter, Vermögen) und Umverteilung (Steuern).
6. Weit verbreitet ist die Angst vor der Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft. Angst machen die Globalisierung, das Fremde, der schnelle Wandel. Dabei könnten wir wissen, dass Deutschland Profiteur davon ist.
7. Die Furcht vor dem schnellen Wandel lässt Werte wie Heimat wichtiger werden.
8. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft sind tatsächlich abgehängt. Hauptsächlich weil es ihnen an Ausbildung und Bildung fehlt. Hier liegt das zentrale Feld erfolgreicher sozialer Entwicklung.
9. Wenn Einzelne und Gruppen keine Chance zum Aufstieg mehr sehen, werden sie zu Protestierern. Sie geben ihre Stimme dann Parteien, von denen nicht erwartet wird, dass sie Probleme lösen.
10. Die großen Veränderungen von 1789, 1917, 1933 und 1989 waren zum geringsten Teil Produkte politischer Theorie, sondern beruhten darauf, dass Menschen in Not waren, Ungerechtigkeit empfanden und sich anders nicht mehr zu helfen wussten.
11. Mit faulen Sprüchen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lassen sich Menschen heute nicht mehr hinters Licht führen. Auch nicht mit falschen Behauptungen vom „trickle down“, wonach das Wachstum von Einkommen und Vermögen bei den gut Situierten früher oder später auch bei der breiten Bevölkerung ankommt. Diese Sprüche sind in den USA weit verbreitet.
12. In unserem Bildungssystem müssen die Schutzbefohlenen wieder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und die darauf aufbauenden Fertigkeiten. Dazu zählen nicht zuletzt die politische Bildung und die Digitalisierung. Schluss mit der Zertifizierungspolitik, wo alle ein Zertifikat bekommen, manche davon aber nicht den Stoff beherrschen.
13. Wir dürfen nicht über die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft einfach hinweggehen wie etwa über die explodierenden Mieten und Wohnungspreise.
14. Erbschaften spalten unsere Gesellschaft. Diese Spaltung darf nicht noch durch eine falsche Steuersenkungspolitik (für die Reichen) vertieft werden.
15. Wenn Eltern Nachhilfe nicht bezahlen können, Musikunterricht nicht finanzieren und wenn sie keinen Praktikumsplatz in London vermitteln, haben ihre Kinder schlechte Chancen.
16. Wenn diejenigen, die sich als Liberale verstehen (to whom it may concern), statt als Anwälte für die Entfaltung Einzelner aufzutreten, die Partikularinteressen Vermögender schützen, tun sie das für unsere Gesellschaft Falsche.
17. Schenkungen, Stiftungen und Spenden von Reichen sind grundsätzlich gut, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dann die Reichen die gesellschaftlichen Entscheidungen treffen.
18. Unser Grundgesetz gibt uns einen guten Rahmen für unsere bürgerlich-parlamentarische Demokratie. Sie braucht Bürger, keine Helden.
19. Unser Motto lautet: keine Visionen und großen Würfe, wo aus einem Grund alles geheilt wird, sondern das tägliche, beharrliche Verbessern des uns durchschnittlich Gegebenen, das Muddling through.
20. Wir müssen Europa bauen.