Der 1928 geborene Klaus von Dohnanyi (SPD) war früher Bundesminister und von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister von Hamburg. Er ist ein anerkannter Elder Statesman, von dem wir mehr übernehmen sollten und könnten, als es gemeinhein geschieht. Joachim Käppner hat ihn für die SZ (21.7.17) zu den gewalttätigen Demonstrationen in Hamburg interviewt.
Dohnanyi: Wir müssen uns gründlicher mit den tieferen Ursachen dieser inzwischen weltweiten Unkultur dieses gewalttätigen Protests auseinandersetzen. Der Protestbewegung insgesamt geht es um Kritik an den Folgen der
Globalisierung
und das ist weder auf Hamburg noch auf Deutschland beschränkt. Diese an und für sich friedliche Kritik entlädt sich immer wieder gewaltsam, weil sich gewaltbereite, ja, besser: gewaltdurstige junge Menschen, meist übrigens Männer, dieser Demonstrationen bemächtigen. Das war schon so auf früheren Gipfeln wie in Genua 2001.
SZ: Wenn sich die Debatte jetzt auf die Bekämpfung des Linksradikalismus oder auf die Rote Flora konzentriert, verkennt man das größere Bild?
Dohnanyi: Ja, diese Debatte geht an den eigentlichen Ursachen eher vorbei. Denn wir können doch nicht bestreiten, dass es die Globalisierung ist, die weltweit gewaltige Fliehkräfte auslöst. Jene Amerikaner zum Beispiel, die für Donald Trump stimmten, oder die Briten, die sich für den Brexit entschieden, wollten auch auf ihre Weise die Folgen der Globalisierung abwehren. Das Leitmotiv:
Wir wollen die Kontrolle über unser Leben zurückhaben!
…
SZ: Ein gefeuerter Stahlarbeiter aus Youngstown/Ohio, der Trump wählt, und ein Steine werfender Autonomer aus Hamburg werden vom selben Motiv geleitet?
Dohnanyi: In gewisser Hinsicht: ja. Ich sehe in all dem eine Entwicklung, die uns anzeigt, dass die Demokratie in ihrer heutigen Praxis die Akzeptanz verliert. Denn einerseits kann sie die Globalisierung nicht aufhalten, aber andererseits mit ihren Folgen nur sehr schwer umgehen. Einerseits beschränkt die Globalisierung die Gestaltungskräfte der Politik immer mehr, andererseits erwarten viele Bürger, dass nationale Politik ihre Verantwortung wie früher ausüben könnte – wenn sie doch nur wollte! Und so entwickelt die Gegenbewegung antidemokratische Züge.
SZ: Nicht alle spüren die Folgen negativ.
Dohnanyi: Eine für jedermann spürbare Folge ist die wachsende Ungleichheit. Ein Beispiel: Als
Uwe Seeler
hier beim Hamburger SV spielte, fuhr er nachmittags mit dem Opel Kadett übers Land und verkaufte Versicherungen, um über die Runden zu kommen. Heute verdienen junge Spieler auch beim HSV Millionen im Jahr, weil der ‚Markt‘ für Fußballer ein globaler geworden ist. Die Globalisierung löst damit auch soziale Bindungen, die doch das Fundament jeder Zivilgesellschaft ausmachen. Auch das fördert die Bereitschaft zur Gewalt.
SZ: Wieso denn das?
Dohnanyi: Weil immer mehr junge Menschen auch in einer virtuellen Welt leben statt in der realen. Ihnen fehlen dann Bindungen, fehlen Gemeinschaft, Erlebnisse, alles Dinge, die vor allem junge Menschen, und wohl besonders junge Männer, dringend brauchen. Sie lassen dann eben irgendwo ihre Wut raus.
SZ: Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten?
Dohnanyi: Nein. Parteien wie nun auch die AfD in Deutschland schüren allerdings die Illusion, als sei es möglich, dies durch eine Rückbesinnung auf die Nation zu bewirken. Folgleich ist auch Europa ihr Feind.
SZ: Was kann Europa dagegen tun?
Dohnanyi: Die EU sollte sich auf wesentliche, gemeinsame Dinge beschränken und den Mitgliedern alles überlassen, was sie genau so gut selbst regeln können. Dasselbe gilt übrigens für den deutschen Föderalismus, den manche am liebsten abschaffen würden. Aber gerade in der Globalisierung wirkt Föderalismus als Wellenbrecher globaler Überflutung, er macht uns besonders flexibel für schützende Reaktionen!
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SZ: An welche Themen denken Sie außerdem noch?
Dohnanyi: An die Flüchtlingsfrage zum Beispiel: Man muss doch auch geduldig darüber reden können, was es bedeutet, so viele Menschen mit einer anderen Kultur aufzunehmen.
Eine offene Gesellschaft kann solche Unterschiede verkraften.
Sie sollte Leute, die anderer Ansicht sind oder sich Sorgen machen, nicht verteufeln oder als Nazis und Fremdenfeinde abstempeln.
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