Michael Naumann (geb. 1941) war Journalist („Die Zeit“, „Der Spiegel“, „Der Monat“, „Cicero“) Herausgeber, Verleger (bei Rowohlt und in New York). Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder (SPD) und unabhängiger Sozialdemokrat. Kein brillanter Schreiber und kein philosophischer Kopf, aber ein leitender Angestellter mit Fortune. Nun hat er seine Lebenserinnerungen vorgelegt:
Glück gehabt. Ein Leben. Hamburg (Hoffmann und Campe) 2017, 415 S.
Der 1953 aus der DDR geflohene Naumann gibt uns darin einen fulminanten Einblick in das Mediensystem. Es ist ja ansonsten verwunderlich, wie viele Menschen von den Medien einfach nicht genügend Ahnung haben. Naumann ist selbstkritisch, stellt sein Licht aber auch nicht unter den Scheffel. Mit Prominenten geht er frei um. Henry Kissinger z.B. hält er für einen begnadeten Selbstdarsteller. Daniel Barenboim ist ein Glück für Deutschland. Naumann schreibt auf Grund seiner guten USA-Kenntnis (Austauschschüler, Student, Forscher etc.) beeindruckend über Remigranten wie Michael Blumenthal. Er ist fest in der westlichen politischen Kultur verankert, das zeichnet ihn vor anderen aus. Naumanns relativ bewegte Schulkarriere, vor allen Dingen in den fünfziger Jahren, hat ihn auch durch ein Internat geführt.
Obwohl Naumann letztlich Sozialdemokrat wurde, hat er sehr viel Verständnis für Konservative, wenn sie Format haben, wie Erhart Kästner, Michael Stürmer, John Kornblum, Otto Schily, Monika Grütters. Naumann ist ein Bürgerlicher, der Kirchenlieder auswendig kennt. Studiert und promoviert hat er in München bei Eric Voegelin, das liegt schon am Rande. Michael Naumann interessiert sich nicht nur für die journalistisch ganz Großen, sondern lässt gerade bewährten Kollegen wie Kurt Becker, Michael Jürgs und Ulrich Weinzierl ihr Recht. Vor der Linken erstarrt er nicht in Ehrfurcht, sondern übt hier und da kräftige Kritik. Bei Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Johannes R. Becher. Eitle Journalisten wie Peter Hamm kriegen ihr Fett weg.
Ernst Noltes Verirrung im Historiker-Streit charakterisiert Naumann so: „So wurden die nationalsozialistischen Massenermordungen von Juden, aber auch von Homosexuellen, Zigeunern und russischen Kriegsgefangenen als gleichsam historisch unvermeidliche Reaktion im Namen des Antibolschewismus der NS-Ideologie dargestellt.“ (S. 96)
Die Hochschulen sieht Michael Naumenn durchaus kritisch, nachdem er dort in Bochum selbst reichlich Erfahrungen gesammelt hat. Behalten hat er ein Faible für die Anglo-Amerikaner, wo im UK z.B. Leszek Kolakowski ein „bewunderter Freund“ (S. 179) wurde. Naumann hat sogar versucht, in den siebziger Jahren den „Monat“ Melvin Laskys wieder zu beleben. Rudolf Augstein beispielsweise behandelt er rücksichtsvoll. „Fast alle seine Chefredakteure hatten eine Verbotsgrenze niemals überschritten – sie waren nicht größer als Rudolf Augstein. (S. 216) Legendär ist Michael Naumanns Erfolgsweg als Verleger bei Rowohlt. Auch angesichts der an Mythen reichen Verlagsgeschichte (Ernst Rowohlt, Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, Fritz J. Raddatz).
Für 1968 und die 68er hat Naumann erfreulicherweise viel Verständnis. Er war selbst dabei. Und er verteidigt Kollegen wie Peter Schneider, von dem er schreibt: „sein kritischer Rückblick auf die neomarxistische Phase seiner Jugend wurde und wird ihm von den geisteigen Romantikern seiner Generation übelgenommen“. (S. 249) Den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder schätzt Naumann außerordentlich. Auch aus seiner Zeit als Kulturstaatsminister. Peter Glotz nennt er den „brillanten Vordenker“ der SPD (S. 312). Das alles hat Hand und Fuß. 2007 war Michael Naumenn „Zählkandidat“ bei den Hamburger Senatswahlen. Er hat in Brüssel für die Buchpreisbindung gekämpft. Maßgeblich war Naumann 2000 beteiligt an der Erklärung der Bundesregierung zur Beutekunst und Raubkunst, die man den europäischen Juden entwendet hatte. Es wäre besser, wenn es mehr Sozialdemokraten vom Schlage Michael Naumanns geben würde.