1619: Gibt es einen liberalen Islam ?

Die wenigen Muslime, die ich persönlich kenne, und die vielen Muslime, die ich gesellschaftlich (also hauptsächlich über die Massenmedien) wahrnehme, sind „moderne“ Menschen wir du und ich, für die ihre Religion keine überragende Bedeutung hat.

Der offizielle Islam türkischer und arabischer Provenienz, den ich kenne, kommt mir vollständig rückständig vor (antidemokratisch, nicht rechtstaatlich, intolerant, frauenfeindlich, mit Aufrufen zu Mord und Gewalt usw.). Die Mullahs und Imame kommen aus dem Ausland und repräsentieren die dortige politische Kultur, die mir weithin nicht besonders entwickelt vorkommt. Die Islamverbände in Deutschland werden teilweise aus dem Ausland finanziert. Der von der türkischen Regierung geleitete Verband DITIB hat in Deutschland Spitzeldienste vollführt.

Alles inakzeptabel.

Aber ich muss einräumen, dass ich den Islam und den Koran wohl nicht gut genug kenne. Ich bin also auf Experten bei ihrer Einschätzung angewiesen.

Eine klare Position nimmt der Publizist Henryk M. Broder ein: „Alle Religionen sind autoritär und verlangen von ihren Angehörigen, dass sie sich an die Gesetze und Gebote halten. Wenn aber ein Christ zum Islam übertritt oder ein Jude zum Christentum konvertiert, riskiert er – nichts. Der Islam dagegen ist nicht nur autoritär, sondern auch totalitär. Er duldet keine Abweichung. Und obwohl es ‚den‘ Islam angeblich nicht gibt, fühlt sich ‚der‘ Islam als Ganzes beleidigt und bedroht, wenn in einem nicht islamischen Land ein paar Mohammed-Karikaturen gedruckt werden oder in Berlin eine Handvoll Muslime eine liberale Moschee gründen. Kaum war der erste Gottesdienst vorbei, hatten schon zwei moslemische Institutionen, eine ägyptische und einen türkische, Fatwas gegen die Gründerin erlassen und sie als eine Gefahr für den Islam gebrandmarkt. Das ist nicht nur unangenehm, es kann auch lebensbedrohlich sein.“ (Die Welt 1.7.17)

Die Professorin für islamische Studien an der Universität Hamburg, Katajun Amirpur, dagegen nimmt an, dass es einen gleichzeitig authentischen und modernen und liberalen Islam (manchmal bezeichnet als „Reformislam“, „kritischer Traditionalismus“, „muslimische Reformdiskurse“ usw.) geben kann. Sie führt eine ganze Reihe von gelehrten Islam-Exegeten auf, die zeigen wollen, dass der Islam zur Gegenwart passt. Es komme gerade auf die richtige

Hermeneutik

an. Mit entsprechenden Vorverständnissen und Erkenntnisinteressen. Das erscheint uns zeitgemäß. Mohammed Schabestari etwa sagt: „Der Koran ist eine Schrift, die zwischen zwei Buchdeckeln versteckt ist. Er spricht nicht. Es bedarf eines Übersetzers, und wahrlich: Es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen.“ Die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi meint: „So etwas wie eine beständige Religion gibt es nicht. Sie wandelt sich mit den politischen Umständen und auch durch die Neuinterpretation der Verse. Das gilt doch für alle Religionen, für das Judentum, das Christentum, den Islam. Nehmen wir diese Bewegung in Europa und den USA, die sich Befreiungstheologie nennt. Sie interpretiert die Bibel neu, sagt beispielsweise, Jesus war eine schwarze Frau. Und genau so gibt es in der islamischen Welt Strömungen, die den Islam liberal und aufklärerisch deuten.“ (SZ 3.7.17)

Eine ganz andere Position nimmt der aus Ägypten stammende, bekannte Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad ein, der gesagt hat: „Es gibt liberale Muslime, aber keinen liberalen Islam.“ (Die Welt 1.7.17) In seinem überzeugenden Text „Die liberalen Muslime haben versagt“ (online), der unter dem Titel „Die Mär vom liberalen Islam“ am 26.6.17 in der „Welt“ erschienen ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund:

„Der radikale Islam schafft es immer wieder, junge Muslime zu begeistern und sie für seine mörderischen Ziele zu mobilisieren.“ Die liberalen Muslime in Deutschland hätten bei der Kölner Friedensdemo „Nicht mit uns“ und der Gründung einer liberalen Moschee in Berlin ihre Bewährungsprobe nicht bestanden. Sie seien zu Hause geblieben und hätten geschwiegen. DITIB habe die Teilnahme an der Demonstration verweigert und nachher Schadenfreude über die geringe Beteiligung gezeigt. Zehntausende junge Muslime hätten dagegen dem autokratischen türkischen Präsidenten Erdogan ihre Unterstützung zugesichert.

„Nur der politische Islam kann die Massen mobilisieren. Das tut er, weil er das Geld und die Infrastruktur dafür hat und weil er mit Hass, Verschwörungstheorien und der Aussicht auf politische Gewinne arbeitet.“ Viele junge Muslime in Deutschland würden in der Familie und der Moschee mit dem

Opferdiskurs

sozialisiert und würden dann in Demos gegen Israel und Mohammed-Karikaturen ihre Macht spüren lassen.

Die schweigende Mehrheit der Muslime habe bisher in allen Fällen geschwiegen. „Sie ist für mich deshalb nicht friedlich, sondern passiv, wie die schweigende Mehrheit der Deutschen, die zwischen 1933 und 1945 geschwiegen hatte und somit Deutschland und die Welt ins Elend stürzen ließen! Kein Mensch hat sie im Nachhinein dafür gelobt oder in Schutz genommen, weil sie selber keine Juden umbrachten.“ Die konservativen Islamverbände würden Gelder aus dem Ausland beziehen und

reaktionäre Diskurse

führen. Für Abdel-Samad ist der organisierte Islam Teil des Problems. Und gerade mehr Institutionalisierung würde ihn nicht zu einem liberalen Islam machen. „Ist es nicht endlich Zeit, von Muslimen, nicht als Kollektiv, sondern als Individuen zu verlangen, das zu leisten, was sie von der deutschen Mehrheit immer wieder verlangen: Ächtung von Hass und Gewalt, und mehr Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt und Selbstbestimmung zu zeigen?“

Mein Fazit: einen liberalen Islam gibt es bisher nicht.

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