Der Direktor des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen, Dr. Wolfgang Schimpf, befasst sich in der FAZ (6.4.17) mit der gegenwärtigen Bildungsmisere und macht einen Verbesserungsvorschlag, dem wir zustimmen können. Er möchte nämlich die Begabungsförderung verstärken. Die emanzipatorische Kraft des Gymnasiums und der Berufsausbildung sieht er im Leistungsgedanken. Und er möchte nicht, dass sich, wie in Niedersachsen zu befürchten, die Gymnasien selber abschaffen.
Schimpf knüpft vernünftigerweise an das Erfordernis nach Exzellenz an, von dem heute auch in Schulen und Universitäten unentwegt die Rede ist. Allerdings liefern die Gymnasien nicht mehr wie selbstverständlich die dazu passenden Absolventen, weil die Gymnasien zunehmend und mit Absicht beschädigt werden. Die Übergangsquoten sind auf über 50 Prozent gestiegen, ausgehend von früher zehn Prozent. Grund dafür sind politische Forderungen (OECD et alii). Die sehr guten Abiturnoten sind inflationär gestiegen. An den Universitäten die Durchfallquoten fast verschwunden. Alles mit Hilfe von grundsätzlichen Leistungsabsenkungen. Ein Abitur bedeutet nicht mehr Studierfähigkeit. Etc.
Die Privatisierung des Bildungswesens hält Schimpf sehr zu recht für einen Irrweg. Abgesehen davon, dass sie verfassungsrechtlich äußerst bedenklich ist. Denn die Verfassung verlangt Chancengleichheit und keine „Pressen“ für Reiche. Wie der Göttinger Pädagoge Hermann Giesecke schon vor sehr langer Zeit formulierte, ist Schule nicht die Fortschreibung der kindlichen Individualität, sondern ihr Gegenteil, aber nicht um die Kinder zu unterdrücken, sondern um sie herauszufordern. Das beherzigen heute rot-grüne Landesregierungen nicht mehr.
In Niedersachsen etwa ist die Eignungsaussage der Grundschulen gestrichen worden. Die Eltern sehen ihre Kinder – und manchmal aus den verständlichsten Gründen – in vielen Fällen falsch. Von den Kindern, die auf das Gymnasium streben, kann ein Drittel nach Auskunft der Schulleitungen nicht sicher lesen, schreiben und rechnen. Das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden.
Für Gesamtschulen gilt seit zwei Jahren, dass sie Haupt- und Realschulen ersetzen. Sie haben eine Aufnahmequote von 60 Prozent für Schüler mit gymnasialer Eignung, 20 Prozent für Real-, zehn Prozent für Hauptschüler und zehn Prozent für inklusive Beschulung. Ein beträchtlicher Teil der ehemaligen Haupt- und Realschüler wird deshalb abgewiesen und meldet sich an Gymnasien an, die sie nicht abweisen dürfen. „So werden diese unweigerlich zu Gesamtschulen, allerdings ohne deren logistsiche Möglichkeiten etwa bei der sozialpädagogischen Unterstützung.“ Auch die Inklusion hilft bei der schleichenden Demontage. „Zieldifferenziertes Unterrichten“ heißt das Zauberwort. Es beschreibt den pädagogischen Grundsatz aller Gesamtschulen.
„Die Grünen haben aus ihrer gymnasialfeindlichen Einstellung nie einen Hehl gemacht, das ist eine aufrechte, berechenbare Haltung. Die SPD bestreitet bis heute, das Gymnasium abschaffen zu wollen. Die Praxis der von ihr bestimmten Bildungsadministration, aber auch ihre Grundsatzpapiere widersprechen dem freilich vehement.“
„Niedersachsen ist dabei, auf dem Weg zunehmender Leistungsabstinenz voranzuschreiten und das Gymnasium von innen her zu zerstören, das seine emanzipatorische Kraft gerade aus dem Leistungsgedanken gewonnen hat. Nicht Herkunft, sondern Fähigkeiten entschieden über Zukunftschancen – so die revolutionäre Grundidee dieser Schulform. Es wäre also nötig, sich auf den Zentralbegriff jeder erfolgreichen Sozialisation zu besinnen: Eignung. Eine Schule, deren Curriculum von Beginn an wissenschaftspropädeutisch ausgerichtet ist, wird ihre Ziele nur erreichen, wenn sie Zugangsbedingungen definieren und durchsetzen darf. Dabei geht es um Lerntempo, Lesefähigkeit, Sprachkompetenz, Umfang des aktiven Wortschatzes und anderes mehr.“
„Wir sind im Begriff, diese schlichten Einsichten, die überall gelten, wo es auf Leistung ankommt, zu vergessen. Eine Pädagogik aber, die dies ignoriert, wird gerade das ihren Kindern schuldig bleiben, was sie hauptsächlich erreichen müsste: Zukunftsfähigkeit. Exzellenz ist da nur noch Zufall, nicht aber Ergebnis systematischer Förderung von Begabungen. Das wäre eigentlich das Gebot der Stunde.“
Dem habe ich fast nichts hinzuzufügen.
Vielleicht nur dies: von Handwerksmeistern höre ich in Bezug auf ihr Verantwortungsfeld sehr Ähnliches. Und natürlich habe ich aus dem Kreis von Sozialdemokraten, GEW-Mitgliedern und „Pädagogen“ sehr viel Abfälliges und manchmal Hämisches über Wolfgang Schimpfs Analyse gehört. Das ist leicht zu erklären: die Betreffenden wollen nicht das Gleiche wie Schimpf und sind dabei, weiter die Herrschaft des Mittelmaßes zu festigen.
Gute Nacht Bildung und Ausbildung!