1462: Akademische Lehre heute

Mit der ihm eigenen Verve widmet sich Jürgen Kaube der gegenwärtigen Misere in der akademischen Lehre und ihren Folgen für das Wissen und die Kompetenz der Studierenden (FAZ 11.2.17). Sein Ausgangspunkt ist einmal der Stoßseufzer einer Kölner Schülerin darüber, dass sie nur „Gedichtanalyse“ gelernt habe und nicht den Umgang mit Mietverträgen. Zweitens der Dialog zweier Studentinnen der Düsseldorfer Heinrich Heine-Universität vor einem Porträt des Namensgebers. Die eine hält ihn für Schiller, die andere für einen Komponisten. Oder war es doch Goethe, „irgendso’n Toter“?

Es ist klar, dass dann, wenn 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, das durchschnittliche Leistungsvermögen nicht mehr so hoch ist wie zu Zeiten, als fünf Prozent Abitur gemacht haben. Und die OECD will noch mehr Abiturienten. Dabei kommt dann heraus, dass einige der Abiturienten nur noch Hilfsdienste verrichten können, keinesfalls aber studieren. Viele Studenten heute sehen es so, dass Studieren nur noch den Zweck hat, Prüfungen zu überstehen. „Hauptsache, Zertifikat“.

Kaube kommt auf die Ursachen zu sprechen. Sie liegen nicht bei den jungen Leuten. Sondern bei den bildungspolitisch Verantwortlichen, den Kultusministern, der OECD, nicht zuletzt bei den Eltern. „Zu Heine, Schiller, Goethe fällt in erster Linie ihnen nichts mehr ein.“ Die Kombattanten und Sympathisanten der Bologna-Reform (Bachelor, Master) waren in erster Linie die Erwachsenen, die sich selbst wohl auch keine Kenntnis von Heine, Schiller und Goethe mehr zusprachen. Außerdem hantierten sie mit einem Praxis-Begriff, der schlicht bedeutete: Festhalten an den alten, immer schon gemachten Fehlern. So jedenfalls kam keine Innovation auf den Weg.

„Die Kultur der Gegenwart bietet viel, der Nachweis hingegen, dass etwas verpasst, wer sich nicht mit den alten Büchern beschäftigt, unterbleibt.“

Mit den sich überschlagenden Reformen der Universität und den damit verbundenen Exzellenz-Initiativen (nicht nur in Deutschland) ging einher, dass die akademische Lehre vielfach noch unwichtiger wurde. Und dadurch schlechter. Mit ihr war und ist kein Blumentopf zu gewinnen. So sind ihre Ergebnisse dann auch.

Nur noch selten werden die Studenten für einen Gegenstand begeistert, über seine Wichtigkeit informiert. Hauptsächlich deswegen, weil die Lehrenden selbst davon nicht überzeugt sind. Kaube spießt seiner eigenen Kompetenz entsprechend Literaturtheorien auf, „Paradigmen“, die er „literaturtheoretische Geßlerhüte“ nennt, „vor denen die Studenten sich schon verneigen sollen, noch bevor sie lesen können, was da steht?“

„Literatur ist dort, wo sie bedeutend ist,

Wahrnehmung, Fantasie, Witz, Gefühlslehre, Spracherkundung und Verstandesschulung.

Sie gibt wie andere Kunst etwas zum Nachdenken, ohne dafür Begriffe zu benötigen. Wenn Studenten dafür der Sinn fehlt, ist das schade und ihre Studienwahl fragwürdig. Für Schulen und Hochschulen aber gibt es keinen Grund, den eigenen Anteil daran – am Desinteresse, wie am Studium nach Vorschrift – durch kulturpessimistische Redensarten zu verdecken.“

 

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