4427: Brigitte Reimann wäre heute 90.

Vor 50 Jahren ist Brigitte Reimann an Krebs gestorben. Tragisch. Kaum ein Schriftsteller hat so viel Privates von sich preisgegeben wie diese lebenslängliche Sozialistin: Abstürze, Affären, Beziehungen, Dreiecksverhältnisse, vier Ehen, Leidenschaft, Begehren, Trennungen. Reimann war Mitglied in der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft (DSF) und in der FDJ. Die 1933 Geborene bejubelte anfangs wie alle, die publiziert werden wollten, den Stalinismus.

Dann wurde sie auf den „Bitterfelder Weg“ gezwungen, auf dem die Werktätigen die „Höhen der Kultur“ erstürmen sollten. Reimann kam ins Lausitzer Braunkohlekombinat „Schwarze Pumpe“, schliff Ventile und gab Schreibkurse. Schriftstellerin hatte sie von Anfang an werden wollen. Das Gesundbeten und die Schönfärberei der SED-Propaganda gingen ihr stark auf die Nerven. Der Leiter der Kulturkommission der SED, Kurt Hager, lobte sie für ihre Fähigkeit, ein „sozialistisches Lebensgefühl“ zu vermitteln, ohne die Schwierigkeiten unter den Tisch fallen zu lassen.

Brigitte Reimanns Hauptwerk „Franziska Linkerhand“ erschien posthum 1974. Darin sagt Franziska: „Wir haben gelernt, den Mund zu halten, keine unbequemen Fragen zu stellen, einflussreiche Leute nicht anzugreifen, wir sind ein bisschen unzufrieden, ein bisschen unehrlich, ein bisschen verkrüppelt, sonst ist alles in Ordnung.“ In diesem Roman spürt man schon den Vorgriff auf die ausländerfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda nach dem Mauerfall. Als junge Frau hatte sich Brigitte Reimann von der Stasi anwerben lassen. Insofern konnte sie kundig über „Republikflucht“, die für sie nicht in Frage kam, und Spitzelkultur schreiben. Sie selbst wurde zum Gegenstand mehrerer „operativer“ Vorgänge. Jemand wie Brigitte Reimann fehlt in unserer Literatur (Danilo Scholz, SZ 21.7.23).

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