Der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski ist derzeit ein sehr gefragter Experte. Zita Affentranger und Bernhard Odethal haben ihn für die SZ (14.3.22) interviewt.
SZ: Waren Sie überrascht, als Putin seine Truppen in der Ukraine einmarschieren ließ?
Chodorkowski: Im Kopf habe ich sie erwartet, auf intellektueller Ebene. Ich habe auch in Interviews gesagt, dass Putin keinen anderen Ausweg hat. Aber vom Gefühl her habe ich es nicht geglaubt. Als der Krieg dann begann, war das ein Schock für mich.
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SZ: Warum begann Putin diesen Krieg?
Chodorkowski: Ich bin davon überzeugt, dass er – wie alle Diktatoren – mit der Zeit den Bezug zur Realität verloren hat. Die Leute um ihn herum haben ein eigenes Informationsfeld geschaffen. Die Informationen wurden so zurechtgebogen, dass sie Putin gefallen. Leute, die das nicht taten, verschwanden aus seinem Umfeld. Und dann kamen zwei Jahre Pandemie. Putin war im Bunker, der Kreis um ihn hat sich massiv verkleinert. Er verlor den Bezug zur Realität.
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SZ: Will Putin die Ukraine vernichten?
Chodorkowski: Er will den ukrainischen Staat vernichten.
SZ: Was hat er eigentlich gegen die Ukraine?
Chodorkowski: Die Revolution auf dem Maidan 2014 war ein Schock für Putin, sein Statthalter Wiktor Janukowitsch wurde vom Volk gestürzt. Er fürchtet eine erfolgreiche Ukraine als Beispiel für das russische Volk. Es ist eine Sache, wenn es demokratische Länder wie Großbritannien oder Deutschland gibt – die sind weit weg. Aber wenn ein Volk an deiner Grenze viel besser lebt als du, das ist eine ganz andere Sache.
SZ: Was muss Europa jetzt tun?
Chodorkowski: Im Westen sagen manche: Das ist nicht unser Krieg. Doch das ist kein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, es geht nicht um die Besetzung von Territorium. Das hier ist ein Krieg zwischen Diktatur und Demokratie.
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SZ: Würde Putin einen Krieg mit der Nato riskieren?
Chodorkowski: Sie sagen das so, als machte ein Krieg mit der Nato Putin Angst. Er ist fest überzeugt, dass die Nato eigentlich nicht existiert. Bis heute hat die Nato nie gezeigt, dass sie zu einer echten Kriegshandlung bereit ist. Für Putin zählen nur die Amerikaner. Wenn die Amerikaner Schwäche zeigen, wird Putin versuchen, Polen und das Baltikum zu bestrafen. Weil er es kann.
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SZ: Unterstützen die Russinnen und Russen Putin in diesem Krieg?
Chodorkowski: Jetzt ist Putins Ranking gestiegen. Die Menschen unterstützen den Krieg hysterisch. Das heißt: ohne verständliche Logik. Einfach nur mit einer emotionalen Begeisterung. Das bietet Putin einen gewissen Schutz und Unabhängigkeit. Und es gibt ihm die Möglichkeit, den Krieg fortzusetzen. Was aber wichtig ist: Der Konsens über den Krieg kann zerfallen. Und das muss beschleunigt werden – mithilfe finanzieller Sanktionen.
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SZ: Unterstützt die russische Elite den Krieg?
Chodorkowski: Der Anteil jener in der Politischen und wirtschaftlichen Elite, die den Krieg unterstützen, ist marginal. Der Großteil ist im Schockzustand, verständlicherweise: Viele haben Verwandte in der Ukraine, und sie verstehen, dass es auch ein Anschlag auf ihre Art zu leben ist. Aber: Sie haben keinen Mut, Widerstand zu leisten. Und deshal kann Putin ihre Ressourcen nutzen, wen er sie braucht. Deshalb müssen auch sie sanktioniert werden.
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SZ: Ist ein Regimewechsel in Russland überhaupt möglich?
Chodorkowski: Die Geschichte lehrt: Nach jedem verlorenen Krieg steckte die russische Staatsführung in großen Schwierigkeiten. Nach dem Krimkrieg musste der Zar umfangreiche Zugeständnisse machen. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg kam es zur Revolution 1905, die letztlich den Sturz des Zaren 1917 einleitete. Heute sind wir in einer ähnlichen Situation: Wenn es dem Diktator nicht gelingt, das Volk von seinem Sieg im Ukraine-Krieg zu überzeugen, wird er in zwei Jahren seine Macht verloren haben.
SZ: Wir sehen jetzt also den Anfang vom Ende des Zaren Putin?
Chodorkowski: Ich denke, der Angriff auf die Ukraine war ein enormer Fehler. Wir gehen nun sehr schnell auf Putins Ende zu.