Die von ihrem Zeitpunkt her fast spektakuläre erneute Kandidatur von Frank-Walter Steinmeier für das Amt des Bundespräsidenten ist nur auf den ersten Blick unverständlich. Seine Amtszeit endet am 18. März 2022, die Wahl findet statt am 13. Februar 2022. Es wählt die Bundesversammlung, die zur Hälfte aus allen Bundestagsabgeordneten und zur anderen aus Entsandten der 16 Länderparlamente besteht. Ihre Zusammensetzung ist heute (vor der Bundestagswahl am 26. September 2021) noch offen. Von den zwölf Bundespräsidenten seit 1949 traten nur vier eine zweite Amtszeit an.
Steinmeier hat sich das Ansehen eines „Bürgerpräsidenten“ erarbeitet. Er ist vom ersten Tag seiner Amtszeit an dorthin gefahren, wo Kritiker saßen, Verzweifelte klagten und Minderheiten attackiert wurden. Er hat junge Migrantinnen ebenso im Schloss Bellevue empfangen wie Menschen, die Angst vor Zuwanderung haben. Und er hat die AfD dort sehr klar angenommen, wo sie die Grundwerte der Demokratie infrage stellt. Insbesondere hat sich Steinmeier deutlich gegen Gewalt, wie sie seinerzeit von den Nazis geübt wurde, gewandt (Nico Fried, SZ 29./30.5.21; Stefan Braun, SZ 29./30.5.21).
Wenn er nun sagt, dass er die Wunden der Pandemie heilen will, so mag das glaubwürdig erscheinen. Tatsächlich geht es um Macht. Völlig legitimerweise. Und hier versucht der Bundespräsident gegen Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz Stellung zu beziehen. Denn wenn sich diese Parteien gegen ihn erklären wollten, müssten sie alsbald eine Kandidatin benennen. Das ist in diesen bewegten Zeiten gar nicht so einfach. Und natürlich noch nicht geschehen. Obwohl es dort geeignete Kandidaten gibt: Katrin Göring-Eckardt bei den Grünen und Wolfgang Schäuble bei der Union (immerhin der Mann, der zum Glück Markus Söder verhindert hat). Insofern beweist die Bewerbung Steinmeiers zum gegenwärtigen Zeitpunkt feines taktisches Gespür. Er versucht jetzt schon etwas für die SPD zu tun.