3093: Karl Ove Knausgard – ein „literarischer Pädophiler“ ?

Karl Ove Knausgard (geb. 1968) ist heute ein weltberühmter Schriftsteller. Insbesondere sein sechsbändiges, stark autobiografisches Hauptwerk „Min Kamp“ (2009-2011), das 4.000 Seiten umfasst, auf deutsch erschienen 2011 – 2017, steht für Knausgards Literatur. Er hat darin kaum Rücksicht auf Frau, Freunde und Familie genommen, weshalb es zu Rechtsstreitigkeiten und heftigen privaten Auseinandersetzungen kam. Knausgard ist zum dritten Mal verheiratet und lebt heute in London. Durch seinen großen literarischen Erfolg konnte Knausgard in internationalen Zeitschriften Essays und Kritiken publizieren. U.a über den norwegischen Terroristen Anders Breivik und über Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Von den deutschsprachigen Schriftstellern schätzt er Christian Kracht und Peter Handke.

Inzwischen gibt es einen weiteren literarischen Skandal um Knausgard. Und zwar um seinen ersten Roman „Ute av verden“ (1998), der auf Deutsch erst 2020 erschienen ist („Aus der Welt“). Für diesen Roman erhielt Knausgard den norwegischen Kritikerpreis. Die epische Breite des realistischen Romans sei mit der modernen Haltlosigkeit des Individuums verknüpft worden. Die Kritiker waren des Lobes voll. Als der Roman 2015 in Schweden erschien, bezichtigte die feministische Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström Knausgrad der „literarischen Pädophilie“. Das Buchcover der ersten Auflage von „Ute av verden“ („Aus der Welt“) ziert das Schwarz-Weiß-Foto eines nackten Mädchens. Wie Adam Soboczynski (Die Zeit, 8.10.20) schreibt, handelte es sich um das Foto eines Spanners. „Man würde heute nicht eine Sekunde zögern, diese Aufmachung als problematisch einzustufen, und ein Verlag würde sie heute auch nicht mehr ohne enormen Reputationsschaden auswählen können. Das Cover passt aber zweifellos zum Plot.“

Knausgard schildert in seinem ersten Roman die Probleme eines verklemmten und unter seinem gefühlskalten Vater leidenden Aushilfslehrers, der einer dreizehnjährigen Schülerin verfällt:

Beim zweiten Mal „ging ich behutsam vor, diesmal war ich ruhig und ängstigte sie nicht, diesmal lief es gut. Der kaum wahrnehmbare Geruch von Schweiß und Seife, der von ihrer Haut ausging, der süße Atem, die weichen Brüste und ihre Hände, die mir durch die Haare fahren, ich kann nicht genug davon bekommen, ich ziehe ihr den Slip aus und lege mich an sie, spüre das befreiende Gefühl ihrer Haut an meiner, das schwache Aroma von Urin, als ich mit der Wange über ihren Schenkel streiche, die nackte, warme Haut, meine Lippen, die sie zärtlich und behutsam küssen, die glatten Haare, die weichen, feuchten Hautfalten. Ihre Augen, die mich ansehen. Die Atemzüge. Das kleine beschmutzte Herz, das in der Brust schlägt und schlägt.“

Was 1998 noch eine „fesselnd reine“ Liebesgeschichte war, veranlasst 2020 den Luchterhand-Verlag dazu, von einer „eigentlich unmöglichen Liebesgeschichte“ zu sprechen.

So ändern sich die Zeiten von 1998 bis 2020.

In seiner Antwort auf die schwedischen Vorhaltungen schreibt Knausgard 2015: „Als Pädophiler bezeichnet zu werden, ist keine angenehme Erfahrung. Ich habe vier Kinder, die ältesten haben angefangen, Zeitung zu lesen, und ich warte nur auf die Frage: Papa, was ist Pädophilie? Warum sagt sie, dass du ein Pädophiler bist.?“

Im Interview mit Adam Soboczynski 2020 bestreitet Knausgard, jemals eine Beziehung zu einer Dreizehnjährigen gehabt zu haben. Und auf die Frage, woher der Wunsch rühre, die Literatur wieder verstärkt unter moralischen Gesichtspunkten zu betrachten, antwortet er nach langem Zögern: „Ich weiß es nicht. Jede Generation hat den Schlüssel zu ihrer eigenen Zeit.“ Habe das nicht, überlegt er, schon Ernst Jünger oder so gesagt?

W.S.: Ausgerechnet! Welch ein Fortschritt.

Comments are closed.