2956: Die Nazis kamen aus allen Schichten.

Der Politologe Prof. Dr. Jürgen W. Falter hat Zeit seines Berufslebens über die Struktur der NSDAP geforscht. 2012 wurde er emeritiert. In einer Publikation aus dem Jahr 1991 formulierte Falter sein Fazit folgendermaßen:

„Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch“.

Das modifiziert Falter in seiner neuesten Publikation zum Thema:

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Frankfurt (Campus) 2020, 584 S., 45 Euro.

Er gleicht seine Daten mit gängigen Theorien ab: „Panik des Mittelstands“, „Extremismus der Mitte“. Er gelangt zu dem Schluss, dass zu jeweils bestimmten Phasen einige Theorien besser passen, aber niemals für die komplette Zeit (Robert Probst, SZ 22.6.20).

Christian Staas hat Jürgen W. Falter interviewt (Die Zeit, 25.6.20):

Zeit: Aus welchen sozialen Milieus rekrutierte die Partei ihre Mitglieder?

Falter: Aus allen. Sie war, wenn man so will, die erste deutsche Volkspartei. Auch damit widersprechen die Daten einer gängigen These – dass die NSDAP ganz überwiegend eine Mittelstandspartei gewesen sei. Diesen Befund muss man zumindest relativieren, denn mit bis zu 40 Prozent hatten auch die Arbeiter einen hohen Anteil. … Überproportional vertreten waren Angestellte und Beamte. Rund 60 Prozent aller Beamten dürften in der Partei gewesen sein, darunter auffallend viele Lehrer.

Zeit: Nur wenige Hundertprozentige, sozialer Druck, Opportunismus – Ihr Blick auf „Hitlers Parteigenossen“ fällt recht nachsichtig aus.

Falter: Es geht um Differenzierung, nicht um Nachsicht. Und nur weil jemand opportunistisch gehandelt hat, spricht ihn das noch lange nicht davon frei, als Partreimitglied das Regime gestützt zu haben. Es wäre außerdem irreführend, zu meinen, „echte Nazis“ seien nur in der NSDAP zu finden gewesen. Vor allem aber gab es sehr viel mehr Deutsche, die dem Regime zugestimmt haben, als die Partei Mitglieder hatte. Wie viel Schuld einer auf sich geladen hat, lässt sich nur im Einzelfall und gewiss nicht allein anhand des Parteiausweises bestimmen. Der individuelle Handlungsspielraum war im Guten wie im Schlechten größer, als viel im Nachhinein glaubten.

 

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