Rainer Moritz ist Leiter des Hamburger Literaturbüros. Wie er in der „Literarischen Welt“ (11.7.20) schreibt, will er demnächst keine amerikanischen Romane mehr:
„Zu meiner Lektüre zählten beispielsweise Richard Russo, Hanya Yanagihara, Emily Ruskovich, Rebekka Makkai, Katya Apekina, Celeste Ng, Claire Lombardi, Elizabeth Strout, Anne Tyler, Stewart O’Nan, Taffy Brodesser-Akner und Courtnay Sullivan, ganz zu schweigen von denjenigen, an die ich keinerlei Erinnerung mehr besitze.“
„Doch sobald amerikanische Romanciers in Mannschaftsstärke auftreten, beginne ich unter Beklemmung und Atemnot zu leiden, möchte aus diesem Kosmos ausbrechen und im Gefolge von Jonathan Franzens ‚Korrekturen‘ nicht länger in den Familienkäfigen dieser Literatur eingesperrt bleiben.“
„… ich empfinde Überdruss, wenn ich, als hätte ich bei einem Pizza-Lieferdienst bestimmte Beläge geordert, sicher sein kann, was mir alles an Katastrophen in diesen Romane begegnen wird: Missbrauch, Selbstmord, Vergewaltigung, Ehebruch, Bulimie, Mobbing, Schwangerschaftsabbruch, Großbrände, Depression, Geschwisterhass, Karriereknicke, Schulden, Haustiere, Stay-at-home-Mothers, alte Tagebuchaufzeichnungen, aufgefundene Briefe und ein schreckliches Geheimnis, das auf den letzten Seiten endlich aufgeklärt wird.“
„Amerikanische Romane sind sich oft zum Verwechseln ähnlich. Nach wenigen Kapiteln spürt man, dass ihre Verfasser Creative-Writing-Kurse besucht haben, Creative Kurse geben und genau wissen, wie man einen spannenden Plot baut, markante Charaktere erfindet und mit Rückblenden ergreifende Dinge erzählt. Dass Schreiben auch Handwerk ist und sich vieles erlernen lässt, ist längst kein Geheimnis mehr und hat sich auch im deutschsprachigen Raum herumgesprochen. In den USA jedoch scheint man auf bestimmte literarische Techniken besonderen Wert zu legen.“
„Ich selbst gönne mir in den nächsten Monaten eine amerikanische Auszeit und hoffe so, Sätzen wie Claire Lombardis ‚Ich liebe es, Mutter zu sein. Das ist der größte Spaß, den ich jemals hatte‘ aus dem Weg gehen zu können. Wie wäre es mal wieder mit Romanen, die in Stuttgart, Siegen oder Siebenbürgen spielen und noch nicht vom amerikanischen Way of Writing infiziert sind?“