In Zeiten des „antikolonialistischen Kampfes“, jedenfalls auf dem Papier, hat nun die Zeit der Denkmalsstürze und Umbenennung von Straßen und Gebäuden begonnen. Hilmar Klute unternimmt in der SZ (23.6.20) einen „erinnerungskulturellen Kassensturz“ zur Klärung der Lage. Dabei überzeugt mich am meisten die Haltung Götz Alys (geb. 1947).
Dieser wiederum war in seiner Karriere als Historiker durchgängig ein, wie ich finde, sehr anregender Außenseiter. Zwei Thesen Alys stehen insbesondere dafür:
1. Die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der Nazis habe letzlich den Interessen des deutschen Bürgertums an Bereicherung und Machtzuwachs entsprochen.
2. Die 68er seien ihren Eltern von 1933 ähnlicher gewesen, als sie das selbst wahrhaben wollten.
Mit beiden Thesen hat sich Aly natürlich nicht beliebt gemacht in Deutschland. Bei der zweiten These mag die eigene Betroffenheit als 68er ausschlaggebend gewesen sein. Mit seiner Haltung zur Umbenennung von Straßen und Gebäuden macht sich Götz Aly vermutlich wiederum nicht beliebt in Deutschland. Und speziell bei seinen Gutmenschen:
1. „Die Vorstellung, man müsse Straßennamen grundsätzlich nach Vorbildern benennen, ist unsinnig. Der eine mag diese Geschichte erzählen, der andere jene. Ich finde das alles nicht so tragisch.“
2. Die einen mögen Otto von Bismarck nicht, die anderen Ernst Thälmann.
3. Götz Aly wohnt in Berlin-Mitte in der Mohrenstraße. Vor 300 Jahren wurde sie nach Negern benannt, die dort wohnten. Nach Alys Meinung hat das was Ehrendes gehabt. „Das benennt man nicht weg. Das sind Schriftdenkmäler in der Innenstadt.“
4. „Jetzt wollen sie auch den Generalszug in Kreuzberg umbenennen. Die Einbildung dieser Leute, sie würden besser werden, wenn sie so etwas tun, das finde ich bestürzend.“
5. In München steht sogar die Kästnerstraße zur Disposition, weil Erich Kästner (1899-1974), dessen Bücher 1933 verbrannt worden waren, nicht emigiert war.
6. Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat sich mehrfach frauenfeindlich geäußert. Müssen die Schopenhauerstraßen deshalb weg?
7. Können wir eine Straße nicht nach dem Schriftsteller Siegfried Lenz benennen, weil der als junger Mann in der NSDAP war? „Wenn man das zum Maßstab macht, können zehn Millionen Deutsche ihre Großeltern aus dem Stammbuch radieren. Das war eine Zustimmungsdiktatur, Dreiviertel der deutschen Intelligenz hat da mitgemacht.“
8. In den sechziger Jahren hat Wolf Biermann seine Moritat vorgetragen: „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinalle für die Stalinallee.“ Sie spiegelte Glanz und Elend, Furcht und Verdrängung, Vergangeheit und Zukunft in ihrem Namen. Biermann: „Und darum heißt sie auch Stalinallee. Mensch, Junge, versteh, und die Zeit ist passé.“