4304: Ist Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ Schul-Lektüre ?

Wolfgang Koeppens großer Roman „Tauben im Gras“ (1951) erzählt von den Aufbaujahren nach 1945 in München. Es ist ein düsteres Panorama. Im Zentrum zwei Paare. Und dann ein Dutzend weitere Akteure: ein Musikdirektor, Nazis, ein Abtreibungsarzt, ein abgetakelter Filmstar et alii. Sie alle kämpfen ums Überleben. Im Koeppen-Sound. Mit verblasener Geistigkeit, kalkulierender Bosheit, verdeckter Geilheit, Nazisprüchen. Positive Perspektiven sind kaum zu erkennen. Wie Matthias Greffrath (taz 19.4.23) schreibt, handelt es sich um die „Verdichtung einer Epoche auf einen Tag“. Für uns Leser ist Wolfgang Koeppen einer der wichtigsten Autoren. Und sein Roman ein gültiges Panorama jener Tage.

Nun will eine Ulmer Lehrerin mit einer Petition erreichen, dass der Roman vom Lektüreplan der Gymnasien in Baden-Württemberg gestrichen wird. Wegen Antisemitismus und einer Menge N-Wörtern. Der Roman sei ein Angriff auf die Menschenwürde ihrer Schüler. Greffrath untersucht den Fall. Als Mitglied der von Günter Grass und Peter Rühmkorf gegründeten Wolfgang-Koeppen-Stiftung ist er zwar Partei, aber es gelingt ihm, der Petition der Lehrerin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er weiß, dass sich gegen niemand argumentieren lässt, der sich verletzt fühlt. Ist da überhaupt etwas zu machen bei der Vergegenwärtigung von Ideologien, Sprechweisen, Unmoral? Der Streit ist unversöhnlich. Auch angesichts des Auftauchens diskriminierender Wörter in Zitaten. Greffrath fragt sich, ob die neue Sensibilität nicht auch eine Verarmung nach sich zieht, den Verzicht der Verletzten, sich über die Empfindung hinaus auf eine durchwachsene Realität einzulassen. Darf man heute noch singen „Lustig ist das Zigeunerleben“? Es geht in der Auseinandersetzung mit dem Koeppen-Buch um Literatur als Form der Erkenntnis. Vielleicht ist der Text für heutige Abiturienten einfach zu komplex. In unserer Einwanderergesellschaft hat ein gutes Viertel unserer Jugendlichen keinen Bezug mehr über Eltern und Großeltern  zur deutschen Geschichte.

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