Es handelt sich um einen der größten Nachlässe der deutschen Literatur, den von Rainer Maria Rilke (1875-1926). Er ist an das Literaturarchiv in Marbach am Neckar verkauft worden. Preis unbekannt. Rilkes Wirkung steht auf einer Höhe mit Franz Kafkas oder Thomas Manns. Er ist ein Schulbuch- und Kalenderdichter. Viele, die ihn nicht kennen, empfinden ihn als Schnorrer und lächerlich, sie kennen ihn ja auch nicht.
Viele seiner Sprüche sind weithin bekannt:
„Der Sommer war sehr groß.“,
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“,
„Du mußt dein Leben ändern.“,
„Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“.
Rilkes Roman „Malte Laurids Brigge“ war der erste deutsche Bewusstseinsroman. Rilkes Nachlass ist offenbar gut erhalten und sehr umfangreich. Seine Texte können nun erstmals systematisch entstehungsgeschichtlich herausgebracht werden. Rilke war ein Reisender, ein Wanderer und Netzwerker. Er verfolgte viele ästhetischen, religiösen und philosophischen Interessen. Der Nachlass enhält knapp 9.000 Briefe, eine Fundgrube. Rilke war Lebensreformer. Unaufgearbeitet ist das Thema „Rilke und die Frauen“. Bis zu Rilkes Urenkelinnen sind sie seine treuesten Überlieferinnen. Erwähnt seien hier nur Clara Westhoff und Lou Andreas-Salomé (Lothar Müller, SZ 2.12.22; Gustav Seibt, SZ 2.12.22).