3515: „Weltspiegel“ ins Nachtprogramm ?

Den „Weltspiegel“ in der ARD gibt es nun seit fast 60 Jahren. Und ich war ziemlich von Anfang an mit einiger Verve als Zuschauer dabei. Deswegen bin ich darauf ähnlich fixiert, wie Jörg Lau („Die Zeit“ 15.7.21) es schildert. Über 100 Reporter aus 30 ARD-Studios rund um die Welt klären uns über die Politik der Welt auf. Und die Sendezeit vor der „Tagesschau“ trägt dazu bei, dass nicht nur Medienfexe und Akademiker das Magazin sehen. In einer Zeit voller internationaler Großkrisen. Lange Zeit kam der „Weltspiegel“ nach der „Lindenstraße“. Ins Leben gerufen wurde die Sendung von Journalisten wie Peter von Zahn, Peter Scholl-Latour, Lothar Löwe, Gerd Ruge und Klaus Bölling. Hochverdiente, für ihre Seriosität bekannte Journalisten.

Die Marktanteile stimmen auch heute noch. Rund zwei Millionen Zuschauer regelmäßig sind keine Kleinigkeit. Nun soll die Sendung auf den späten Montagabend nach den „Tagesthemen“ verlegt werden. Dafür fehlt vielen Nutzern jegliches Verständnis. Es würde den kompletten Austausch des Publikums bedeuten. Denn die heutigen Seher, zwei Drittel ohne höheren Bildungsabschluss, sind montags spät schon auf dem Weg ins Bett, weil sie am nächsten Morgen arbeiten müssen. Dem „Weltspiegel“ droht ein Tod auf Raten. Wir wollen doch nicht noch mehr Sport vor der „Tagesschau“. Der „Weltspiegel“ ist bisher ein Gegenmittel gegen vorgefasste Meinungen und Filterblasen. Das Programm ist eine Versicherung gegen Vorurteile. Wie sollen wir Donald Trump, den Brexit oder die zahlreichen russischen politischen Repressionen verstehen? Da müssen uns kundige Journalisten informieren. Es gibt heute auf der Welt schon genug Behinderung von seriösem Journalismus. Da sollte sich die ARD als einer unserer Anker für freie Meinungsbildung nicht selbst schwächen. Es läuft heute in der Welt ein postfaktischer Mehrfrontenkrieg gegen den Anspruch, dass es überhaupt eine verbindliche Wahrheit gebe. Gegen die billigen Hetzer der AfD hilft nur seriöser Nachrichtenjournalismus, der genug Zeit hat, seine Erkenntnisse auch auszubreiten.

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