3215: Friedrich Dürrenmatt 100

Marc Reichwein (Die Welt 2.1.21) und Martin Ebel (SZ 5./6.1.21) schreiben im Feuilleton sehr kundig und treffend über Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Anlässlich seines 100. Geburtstags:

Er kam beim Schreiben ohne Pathos aus. Niemand hat den Institutionen so brutal die Selbstgewissheit unter den Füßen weggezogen wie Friedrich Dürrenmatt. Er stellte die berechtigte Frage danach, warum überhaupt Menschen auf der Welt seien. Ja, warum eigentlich? „Friedrich Dürrenmatt: Das sind Spurenelemente in Leserhirnen, eine rachsüchtige alte Dame und drei mehr oder weniger verrückte Physiker, dazu ein Richter und sein Henker, …“ Für Marc Reichwein geht vieles bei Dürrenmatt auf den Pfarrerssohn zurück, „der seinen Abfall vom Glauben mit möglichst viel Wissen kompensieren will“. Der Dramatiker habe aus heutiger Sicht doch „Thesen-Theater für die Mittelstufe“ geschaffen.

Der Schriftsteller schrieb über sich: „Wenn Sie mit 25 zuckerkrank werden, kaufen Sie sich erst einmal ein Buch. Dann wissen Sie, das ist unheilbar. Das hat man ein Leben lang. Und dann kommen alle diese Dinge, von denen Sie gelesen haben. Wenn Sie pinkeln, wird der Teststreifen grün. Das ist der grüne Tod. Sie werden immer wieder daran erinnert, dass Sie etwas haben, mit dem Sie leben müssen und das zum Tod führt.“ Sonst kam in seiem Werk nicht viel Privates vor.

Seinen Staat, die Schweiz, hat er nicht mit allzu viel Lob bedacht, sondern ihn scharf kritisiert. „Die Schweiz stand Schmiere beim Weltverbrechen.“ „Unsere sauberen Hände sind unsere Schande.“ Allerdings, fährt er fort, „wurden wir damals von einer schändlichen Zeit zu einer schändlichen Unschuld gezwungen.“ Dagegen seien die aktuellen Verbrechen freiwillig begangen: Waffengeschäfte, Annahme von Diktatoren- und Kriminellengeldern.

Im „Winterkrieg in Tibet“, einer grauenhaften Vision des Dritten Weltkriegs, in dem weibliche Söldner das Inferno noch steigern, schreibt Dürrenmatt: „Man tötet und fickt um die Wette, Blut, Spermien, Gedärme, Fruchtwasser, Gekröse, Embryos, Kotze, schreiende Neugeborene, Gehirne, Augen, Mutterkuchen schiessen in Strömen die riesigen Gletscher hinab, versickern in den abgrundtiefen Spalten“.

Den Juden lässt Friedrich Dürrenmatt Gerechtigkeit widerfahren: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen, die man gegen sie ins Feld führt. Lagen sie einst im Glauben, später in der Rasse, liegen sie nun im Imperialismus, den man zwölf Millionen Juden andichtet. Selbst in der Schweiz werden an den Ersten-Mai-Feiern Anti-Israel-Parolen herumgetragen, zusammen mit Spruchbändern gegen den Faschismus.“

In seinem letzten Lebensjahr hat Friedrich Dürrenmatt Auschwitz besucht: Der Ort Auschwitz, schreibt er, „ist undenkbar, und was undenkbar ist, kann auch nicht möglich sein, weil es keinen Sinn hat. Es ist, als ob der Ort sich selbst erdacht hätte. Er ist nur. Sinnlos wie die Wirklichkeit und unbegreiflich wie sie und ohne Grund.“

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