Herbert Kubicek war von 1988 bis 2011 Professor für angewandte Informatik an der Universität Bremen. Heute ist er Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Digitale Chancen, die sich seit 2003 für Chancengleichheit aller Menschen im Internet einsetzt. Matthias Kreienbrink hat ihn für die SZ interviewt (16.12.20):
SZ: Wieso ist es so wichtig, dass auch Menschen im Alter von über 70 und darüber das Internet nutzen?
Kubicek: In der Altersforschung spricht man davon, dass ältere Menschen eine
geringere Selbstwirksamkeit
haben. Im jüngeren Alter hat man oft die Überzeugung, dass man Probleme schon bewältigen wird. Was für jüngere eine interessante Herausforderung sein kann, ist für Ältere das Gegenteil: Neues wird möglichst vermieden. Das Problem ist aber, dass die digitale Teilhabe inzwischen Voraussetzung für soziale Teilhabe ist,
ein fundamentales Recht.
Denken Sie nur mal an die jetzige Situation: Sich gerade etwas im Internet bestellen zu können, statt in einen Laden laufen zu müssen, ist schlicht Gesundheitsschutz. Immer mehr Angebote gibt es nur noch online. Den gelben Sack bestellen, digitale Sprechstunden, Terminvergabe bei Ämtern. Es geht hier also um existenstielle Teilhabe aller Menschen. Und dann noch mal besonders um die Exklusion der unteren Schichten, die gerade im Alter stark benachteiligt sind. Und es darf einfach nicht mehr vorkommen, dass ältere Menschen in Wohnheimen unter Quarantäne stehen und ihre Angehörigen noch nicht einmal per Video sehen können. Denn auch Einsamkeit macht krank.