3071: Die permanente Krise der katholischen Kirche

Es mag heikel sein, als Nicht-Katholik über die katholische Kirche zu schreiben. Aber es muss sein, weil die Krise dort ein Ausmaß erreicht hat, das kaum zu beherrschen ist, wie mir Katholiken, und gerade die, versichern. Und weil es uns nicht gleichgültig sein kann, was mit einer solch großen, traditions- und hilfreichen Institution geschieht. Ich kenne sehr viele Katholikinnen und Katholiken. Bei vielen ist mir wohl gar nicht bewusst, dass sie welche sind, weil sie damit nicht auffallen. Sie sind genau so schlau, doof, friedlich, fortschrittlich, traditionsbewusst, menschlich wie andere Zeitgenossen auch. Mit einigen von ihnen habe ich sehr gut zusammengearbeitet.

Zugleich widmen sich ernst zu nehmende Autoren wie Annette Zoch (SZ 24.9.20) und Heribert Prantl (SZ 2./3./4.10.20) der permanenten und anwachsenden Krise ihrer Kirche. Die beiden sehen zwei Krisenpunkte: a) in der Behandlung von Frauen als Menschen zweiter Klasse und b) im massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester.

Ich versuche ihre Darlegungen treffend zusammenzufassen:

1. Heute müssen sich Gläubige immer häufiger dafür entschuldigen, noch in der Kirche zu sein.

2. Der sexuelle Missbrauch hat das Grundvertrauen in Kirche in Grundmisstrauen gegen Kirche verwandelt.

3. 1950 gehörten 96,5 Prozent der Menschen in beiden deutschen Staaten den beiden großen Kirchen an. Heute sind es noch 52 Prozent.

4. Die Diskussion um die Rolle der Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche hat eine nie gekannte Dringlichkeit erreicht.

5. Sie ist angekommen bei all den Frauen, die in Pfarreien Chöre leiten, die Kindergottesdienste halten, Kommunionkinder und Firmlinge vorbereiten, Pfarrbüros organisieren, bei all den weiblichen Gottesdienstbesuchern selbst in tiefkatholischen Gegenden.

6. An der Frauenfrage wird sich die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland wahrscheinlich entscheiden.

7. „An gesellschaftlichen Megatrends wie der Säkularisierung und der Individualisierung können auch katholische Diakoninnen wenig ändern.“

8. „Wie will (die Kirche) einerseits für die Gleichheit aller Menschen einstehen, für die Menschenliebe, ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung? Und gleichzeitig 50 Prozent der Menschheit in die zweite Reihe verweisen? Die Kirche muss sich dieser Frage auch theologisch stellen.“

9. Beim sexuellen Missbrauch ist das Selbstmitleid der Institution Kirche immer noch größer als das Mitleid mit den Opfern.

10. „Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte.“

11. „Es wird vertuscht, wie sehr vertuscht wurde.“

12. „Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht daher in der Kritik, sondern die Kirche als solche.“

13. „Die Kirche kann, wenn es gut geht, ein Ort sein, an dem der Himmel offen gehalten, an dem der Himmel nahe ist – weil Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit und Gnade dort ihren Platz haben; …“

14. „Es hat sich gezeigt, dass viele Priester, die Minderjährige schänden, in ihrer sexuellen Entwicklung auf der Stufe eines 13-jährigen sind.“

15. „Die sexuelle Ausbeutung von Wehrlosen ist das Risiko einer zwangszölibatären, autoritären Kirche, die in 2.000 Jahren zwar die Frauen aus allen Machtpositionen vertrieben hat, aber den Menschen nicht die Sexualität austreiben konnte.“

16. Heute müssen in der katholischen Kirche das Pflichtzölibat aufgehoben und Frauen zur Ordination zugelassen werden.

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