Mark Siemons unternimmt in der FAS (19.7.20) den Versuch, angesichts des um Rassismus tobenden Kampfes unter Intellektuellen und Publizisten eine brauchbare Unterscheidung zwischen Universalisten und Identitätspolitikern vorzunehmen. Das bringe ich in meine Kategorien und meine Sprache:
1. Angeblich wird der Universalismus (der Menschenrechte) vertreten von alten, heterosexuellen, weißen Männern, welche die Macht nicht abgeben wollen.
2. Angesichts der Unterdrückung von Menschengruppen darauf zu bestehen, dass wir vorgeblich alle gleich sind, bedeutet die Beibehaltung der Unterdrückung.
3. Wer den Rassismus bekämpfen will, muss die Perspektive derjenigen einnehmen, die dem Rassismus ausgesetzt sind.
4. Zugleich ist offensichtlich, dass sich selbst die antiuniversalistische Identitätspolitik einem zutiefst universalistischen Antrieb verdankt, dem Ziel, allen Menschen gleiche Rechte zu sichern.
5. Wenn die „Identität“ zum Selbstzweck wird, besteht die Gefahr der Re-Essenzialisierung.
6. In „Harper’s Magazine“ haben 153 prominente Intellektuelle beklagt, dass „auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse“ gestärkt würden, „die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen“.
7. Zu den Unterzeichnern gehören Noam Chomsky (* 1928) und Salman Rushdie (* 1947).
8. Anscheinend gibt es zwischen dem Universalismus der Redefreiheit und dem identitätspolitischen Machtkampf um Sprecherrollen keine Vermittlung mehr.
9. Die Universalisten sagen: „Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie entlarvt, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen oder sie wegzuwünschen.“
10. In Deutschland ist die „tageszeitung“ (taz) gespalten in junge (unter 40) Identitätspolitiker und alte (über 40) Verfechter der Solidarität (Universalismus).
11. Für die Jüngeren ist die wichtigste Frage: Wer spricht?, für die Älteren: Wer hat recht?
12. Der herrschaftsfreie Diskurs wird durch die in ihm enthaltenen Machtkategorien angefochten.
13. Der Universalismus wurde vom Poststrukturalismus eines Michel Foucault (1926-1984) und eines Jacques Derrida (1930-2004) bekämpft.
14. Dadurch kam es zu einer Veränderung der Blickrichtung weg vom selbstbestimmten, souveränen Subjekt namens „Mensch“ hin zu anonymen Strukturen.
15. Der Begründer der „Cultural Studies“, Stuart Hall (1932-2014), hat darauf hingewiesen, dass die Identitäten schließlich zugunsten eines „Gemeinsamen“ wieder dekonstruiert werden müssen.
Kommentar W.S.: Als alter, heterosexueller, weißer Mann habe ich praktisch keine Chance. Ich bleibe rettungslos in dem alten, menschenrechtlich (1776) fundierten Universalismus befangen.