Der Biologe Volker Moosbrugger (Frankfurt) ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Ihn befragt Christoph Schäfer (FAS 19.4.20) zur Coronakrise.
FAS: Herr Moosbrugger, die Wirtschaft steht nahezu still. Ist der weltweite Shutdown gut für die Umwelt?
Moosbrugger: Für die Umwelt ist er prima. Die Verschmutzung der Luft und auch die CO 2-Emissionen haben deutlich abgenommen.
FAS: Das Bundesumweltamt sagt, Deutschland könne wegen des Kohleausstiegs und der Corona-Krise seine Klimaziele noch erreichen. Das klingt ebenfalls positiv.
Moosbrugger: Die Corona-Krise zeigt das Dilemma, in dem wir stecken. Das ganze Geschäftemachen, das Reisen und die Produktion führen dazu, dass es uns gutgeht. Aber sie sind schädlich für die Natur, weil wir bis jetzt keinen nachhaltigen Umgang mit ihr gefunden haben. Die Wirtschaft funktioniert im Moment nicht, aber die Natur erholt sich gerade.
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FAS: Was ist ihrer Meinung nach gefährlicher: Die Corona-Krise oder der Klimawandel?
Moosbrugger: Gar keine Frage: Der Klimawandel ist die größere Bedrohung. Er hat sehr viel langfristigere Konsequenzen und ist schwieriger zu bewältigen. Und dann kommt noch der Verlust an Biodiversität dazu.
FAS: Führt die globale Rezession auch beim Artensterben zu einer Verschnaufpause?
Moosbrugger: Die Krise ist noch zu kurz, um das Artensterben zu verlangsamen. Außerdem sind die Themen, die das Artensterben vorantreiben, gerade kaum eingeschränkt. Der Amazonas wird immer noch gerodet, und die Landwirtschaft bringt unverändert Pestizide und Düngemittel auf die Felder.
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FAS: Der WWF sagt, dieses Jahr könnte zum Wendepunkt für die biologische Vielfalt werden. Solche Warnungen hört man immer wieder: Es gehe nur noch jetzt sofort, sonst sei alles zu spät. Ist das Panikmache oder wissenschaftlich begründet?
Moosbrugger: Ich kämpfe gegen solche Aussagen. Ich höre seit 30 Jahren immer wieder, es sei fünf Minuten vor zwölf. Wenn das stimmen würde, müsste es nach dreißig Jahren ja locker fünf nach zwölf sein. Aber es bleibt offenbar immer fünf Minuten vor zwölf.
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FAS: Der amerikanische Autohersteller Tesla lässt für seine neue Fabrik in Brandenburg 90 Hektar Wald roden. Das Unternehmen verspricht, das dreifach zu kompensieren. Ist damit alles gut?
Moosbrugger: Ja, das ist so wunderbar in Ordnung.
FAS: Die Umweltschützer dort haben sich also sinnlos aufgeregt?
Moosbrugger: Aus meiner Sicht ja. Hinzu kommt. Das Waldstück von Tesla war ein Forst, der war ökologisch nicht besonders wertvoll. Wenn Tesla es geschickt macht, sind die Ersatzflächen nachher ökologisch wertvoller.