2757: Henryk M. Broder kämpft für die Unschuldsvermutung.

Noch nie hat sich der Ludwig-Börne-Preisträger von 2006, Henryk M. Broder („Die Welt“), an schweigende Mehrheiten angepasst oder sich bürgerlichen Milieus unterworfen. Er ist kein Apostel der politischen Korrektheit, sondern unkonventionell und für Überraschungen gut (insbesondere wenn er über linke Tabus und linke Antisemiten schreibt). Das hat er geradezu zu seinem Markenzeichen gemacht. Dass er als Autotester und Mobilitätskritiker der „Welt“ fungiert, kann ich nicht beurteilen, weil ich das nicht lese.

Nun befasst sich Broder mit dem Fall Woody Allen. Da haben 16 Rowohlt-Autoren in einem Brief an den Verlag sich enttäuscht gezeigt, dass Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ dort am 7. April erscheint. Sie möchten das nicht. Und darin sieht

Broder zu Recht,

dass hier die Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt wird. Denn bewiesen ist im Fall Woody Allen (ein Vorgang aus dem Jahr 1992)  ja nichts. Es hat nicht einmal ein Prozess stattgefunden. Die Behauptungen von Mia Farrow und Woody Allen nach ihrer Trennung stehen sich gegenüber, Aussage gegen Aussage. Da hat Allen als unschuldig zu gelten.

Die von Broder hier noch genannten „Lolita“ (Vladimir Nabokov), „Stille Tage in Clichy“ (Henry Miller), „Der Reigen“ (Arthur Schnitzler), „Der Tod in Venedig“ (Thomas Mann) brauchen wir gar nicht („Literarische Welt“, 14.3.20). Als mündige Erwachsene lassen wir uns nicht von Spießern zensurieren. Und Rowohlt-Verlagschef Florian Illies benutzt das Erscheinen von Woody Allens Autobiografie als Verlagswerbung.

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