2676: Die Moskauer

Es ist so gewesen, dass die DDR, die neuen Bundesländer und Ostdeutschland in der Gegenwart hier und da falsch beurteilt worden sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es lag nicht nur an der Unfähigkeit zur Analyse. Meistens stand keine böse Absicht dahinter. Was aber bisher – erstaunlicherweise – kaum berücksichtigt wurde, ist das System des

Stalinismus.

Seit die russischen Quellen ungefähr ab 1989 jedenfalls partiell geöffnet worden sind, können wir uns umfassender darüber informieren. Das ist auch das Verdienst von

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt/Main (S. Fischer), 361 Seiten.

Das Phänomen des Stalinismus erstreckte sich seit dem ersten Fünf-Jahres-Plan der Sowjetunion (SU)

1929 bis ungefähr zum Anfang der sechziger Jahre (1962),

als die „Rückführung“ deutscher Kommunisten aus der SU für abgeschlossen erklärt wurde. Tatsächlich war der Stalinismus in der DDR bis zum Ende (1989) virulent. Das zeigt Petersen auf ziemlich meisterhafte Weise, auch wenn er stilistisch seinen bemerkenswerten Erkenntnissen nicht immer ganz gewachsen ist.

Petersen stützt sich auf Vorarbeiten solch hervorragender Autoren wie Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Margarete Buber-Neumann, Carola Stern, Jörg Baberowski und anderen.

Das System des Stalinismus zeigt sich besonders deutlich in den folgenden Erscheinungen:

– Misstrauen,

– Bespitzeln,

– Denunzieren,

– Lüge,

– ideologische Intoleranz,

– Verrat,

– Folter,

– Gewalt,

– Mord und Massenmord (Archipel Gulag; viele entscheidende Erkenntnisse verdanken wir dem russischen Schriftsteller Alexander Solschenyzin),

– Personenkult,

– hierarchische Ordnung,

– Propaganda/Agitation,

– systematisches Beschweigen des Terrors,

– und anderen Merkmalen.

Im System des Stalinismus kommen Kommunisten nicht nur als Täter vor, sondern gerade auch als Opfer, das sollten wir nie vergessen. Ungefähr 10.000 deutsche Kommunisten gingen in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion, nicht einmal die Hälfte kam zurück. „Stalin hat mehr deutsche Kommunisten ermordet als Hitler.“ Die Rückkehr in die SBZ bzw. DDR erfolgte in Wellen, 1945-1947, mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen 1955, in den sechziger Jahren. Die meisten der Rückkehrer haben sich zum Stalinismus erst nach 1989 erklärt. Wenn überhaupt.

Kennzeichnend für die Phase des Stalinismus (im Weltkommunismus) waren:

1. die völlig falsche „Sozialfaschismus“-These 1929, die besagte, dass nicht die Faschisten die Hauptgegner des Kommunismus waren, sondern die Sozialdemokraten. Diese haben ihre politische Verunglimpfung überall teuer bezahlt.

2. die Tschistka (die große Säuberung mit Schauprozessen) 1937-1939, also die Ermordung von Millionen Menschen in der SU, darunter vielen „treuen Genossen“.

3. der Hitler-Stalin-Pakt 1939 (mit der darin verabredeten Aufteilung der politischen Einflusszonen und der Unterwerfung und Teilung Polens in einem Geheimvertrag).

4. Stalins Tod im März 1953.

5. 17. Juni 1953 in der DDR.

6. Der XX. Parteitag der KPdSU 1955, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschew erstmals den Stalinismus charakterisierte.

7. Der 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer in Berlin.

Von 1945 an gab es innerhalb der kommunistischen Exilanten einen Machtkampf zwischen den Moskauer Stalinisten, den Westexilanten und den Insassen von Nazi-Konzentrationslagern. Für die Führung in der SBZ vorgesehen waren nur die Moskauer. Auf Grund des Prestiges von KZ-Insassen hat es dann doch einige Zeit gedauert, bis die Moskauer sich gänzlich durchgesetzt hatten. Die Person, an der das am besten verstanden werden kann, ist der klassische Politfunktionär Walter Ulbricht.

Davon betroffen waren aber ebenfalls Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Hermann Matern, Fred Oelßner, Hugo Eberlein, Paul Wandel, Erich Mielke, Karl Maron, Erich Bolz, Johannes R. Becher, Otto Winzer, Hermann Ducker, Karl Schirdewan, Bernard Koenen, Ottomar Geschke, Paul Merker, Max Fechner, Erich Gniffke, Erich Mückenberger, Hermann Axen, Kurt Hager, Lex Ende, Rudolf Herrnstadt und viele andere, die hier nicht alle genannt werden können. Im deutschen Stalinismus gab es wie anderswo auch starke antisemitische Einschüsse.

Insbesondere während des Hitler-Stalin-Pakts 1939 bis 1941 wurden deutsche Kommunisten an die Gestapo verraten und an sie übergeben. Willi Münzenberg trat damals aus der KPD aus. Im Spanischen Bürgerkrieg tobten ebenfalls die inner-kommunistischen Fraktionskämpfe mit mörderischer Gewalt. Es gab viele Selbstmorde. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von 1945 bis 1950 zu einem sowjetischen Speziallager umgewandelt.

In den Nazi-Konzentrationslagern waren die Kommunisten am besten organisiert. Das darf nicht vergessen werden. Vielfach kam es aber auch zu einer moralisch unvertretbaren Zusammenarbeit (nicht zuletzt durch das Kapo-System). Bruno Apitz‘ Buch „Nackt unter Wölfen“ (die literarische Gründungsurkunde der DDR) und der darauf aufbauende Film pflegten die Legende vom heroischen kommunistischen Widerstand. Die kommunistische Führung wusste es besser, sorgte aber dafür, dass Verfehlungen von Genossen geheimgehalten wurden.

Stalin wurde von vielen Schriftstellern und Künstlern „gehuldigt“. Dabei sind in erster Linie zu nennen Lion Feuchtwanger, der mit der DDR nichts zu tun hatte, und der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher. Zum 17. Juni 1953 hat sich sogar Bertolt Brecht missverständlich geäußert. Beeindruckend ist das von der kommunistischen Führung angeordnete Schweigekartell dem Stalinismus gegenüber. Es funktionierte so gut, weil viele Genossen ihre eigene Mitschuld kannten. Viele waren traumatisiert. Sie waren geübt in Parteidisziplin. Dies alles hat große Auswirkungen auf die DDR gehabt. Manches kam erst nach 1989 zur Sprache. Eher spärlich.

„Die alten Genossen wussten alles, sie kannten die Schicksale, den Schrecken der Stalin-Jahre, aber auch ihren eigenen Verrat und die Scham über ihr Verhalten. Auch Kommunisten, die mit dem System brachen und den Terror genau beschrieben, wie Herbert Wehner, Julius Hay und Ernst Fischer, verschwiegen ihre eigene Rolle im Räderwerk der Menschenfalle. Man hatte eben selbst das System betrieben, das einen schließlich überrollt hatte.“ (S. 275) Und die Jungen verlangten keine Aufklärung. „Egon Krenz ist der Repräsentant jener pensionsreifen Berufsjugendlichen, die lebenslang vor dem politischen Vatermord zurückschreckten.“ (S. 263)

Auf den Seiten 277 bis 284 gibt Andreas Petersen einen tiefen Einblick in das Leben der Familie Wolf, einschließlich der Geliebten und Hausangestellten. Die Familie Wolf stellte  den Schriftsteller Friedrich Wolf („Zyankali“), den Geheimdienstmann Markus Wolf und den Filmemacher Konrad Wolf („Ich war neunzehn“). Mit Familie Wolf war privat verbunden die Familie Lochthofen. Sie kam 1958 aus der Sowjetunion zurück. Gar kein Stalinist mehr war Sergej Lochthofen, der im 21. Jahrhundert lange Jahre der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (in Erfurt) war. Artur Koestler, der Autor von „Sonnenfinsternis“ (1940), hat über den Stalinismus geschrieben: „Der Glaube ist ein wundersames Ding, er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, dass ein Hering ein Rennpferd ist.“ (S. 266)

 

 

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