33 Jahre saß Jens Söring in den USA wegen eines angeblichen Doppelmordes im Gefängnis. Er hat bis zum Schluss geleugnet. Nun ist er zurück in Deutschland. Moritz Geier hat dazu den emeritierten Strafrechtler und Kriminologen Frieder Dünkel, 69, befragt (SZ 24./25./26.12.19).
SZ: Hätte ihm das in Deutschland auch passieren können?
Dünkel: Nein, aus deutscher Sicht ist sein Fall verfassungsrechtlich höchst problematisch, zumal er ja nicht rückfallgefährdet ist. Söring saß für ein in Anführungszeichen „normales“ Tötungsdelikt, das aus einer einmaligen Konfliktsituation entstand, er war damals 18 Jahre alt. In Deutschland hätte er maximal zehn Jahre nach Jugendstrafrecht bekommen und wäre nach sieben jahren vermutlich entlassen worden.
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SZ: Ist es überhaupt möglich, nach so langer Zeit ein normales Leben zu führen?
Dünkel: Ja, das zeigt der vielleicht berühmteste Langzeithäftling der Geschichte, Nelson Mandela. Wenn man ein bestimmtes Umfeld und auch eine Aufgabe hat, kann auch die Wiedereingliederung nach so langer Zeit gelingen. Im Fall Söring stehen die Integrationschancen gut, weil er kein „Normalkrimineller“ ist, weder sozial entwurzelt noch arm. Und er hat ja wohl auch einen großen Unterstützerkreis, ein soziales Netz, das ihn auffängt.
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SZ: Der offene Vollzug hat in Deutschland aber keinen guten Ruf und wird oft als „Hotelvollzug“ verspottet.
Dünkel: Das ist er aber nicht. Der offene Vollzug ist für den Übergang sehr wichtig, um den Schock der Entlassung abzufedern. Er wird in Deutschland zu wenig entwickelt. Nur Nordrhein-Westfalen und Berlin nutzen ihn in großem Umfang und arbeiten damit sehr sozialintegrativ. Der offene Vollzug bietet sich für Leute an, die in der Kindheit nicht komplett negativ sozialisiert wurden. Bayern ist beim offenen Vollzug leider äußerst rückständig. Da muss man schon Hoeneß heißen, um dort frühzeitig reinzukommen.
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