2559: „Spiegel“-Korrespondent Ulrich Schwarz – Kronzeuge in der DDR

Seit der „Spiegel“-Affäre 1962 (und der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1966) hatte „Der Spiegel“ einen sehr guten Ruf als investigatives Nachrichten-Magazin (ganz anders als zu Zeiten von Claas Relotius und Rafael Buschmann). Auch für Berichte aus der DDR. Korrespondent dort war

Ulrich Schwarz.

Er hatte 1987 einen Verkehrsunfall mit seinem Volvo auf der Fahrt nach Rostock, weil er bewusstlos geworden war. Das war ihm nie vorher und ist ihm nie nachher passiert. Kaum war Schwarz in der Klinik, rief auch schon die Stasi an: ob er transportfähig sei? Es ist bis heute nicht geklärt worden, ob der Unfall von Schwarz ein Anschlag der Stasi gewesen ist. Vorstellbar ist das. 1983 kam der DDR-Fußballnationalspieler

Lutz Eigendorf,

der in den Westen gegangen war, bei einem Autounfall in Braunschweig ums Leben.

Bereits 1978 war das „Spiegel“-Büro in Ost-Berlin geschlossen und Ulrich Schwarz des Landes verwiesen worden. Sieben Jahre lang durften keine „Spiegel“-Mitarbeiter in die DDR einreisen. Erst dann war Schwarz wieder da. Er wurde engmaschig von der Stasi überwacht, aber seine Akte war erstaunlich dünn (das kennen andere DDR-Experten). „Die nassen Sachen hat die Stasi als erstes vernichtet.“ Das waren Morde, Anschläge, alles Kriminelle.

In der Berichterstattung wandelte Schwarz auf dem schmalen Grat zwischen diplomatischen Dienst und journalistischem Anspruch. Er hatte sehr gute Kontakte zu Kirchenleuten, etwa dem Pfarrer Rainer Eppelmann (später CDU) und der Witwe von Robert Havemann. Seine Arbeit erschloss sich den Kollegen im Westen nie wirklich. Weil er seine Quellen entschlossen geheimhielt, waren manche seiner Texte relativ unkonkret. So erschien ja vielen im Westen der Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Schwarz reiste, ohne jemand zu fragen, zur großen Demonstration der Bürgerrechtsbewegung am 9. Oktober 1989 nach Leipzig. Dort skandierten 70.000 Menschen „Wir sind das Volk.“ Schwarz gelangte an ein von den Bürgerrechtlern selber gedrehtes Video über die Demo. Er schmuggelte es nach West-Berlin. Am nächsten Tag lief es in den „Tagesthemen“. Das konnten DDR-Bürger sehen. Eine Woche darauf trat Erich Honecker zurück. Einen Monat später ging die Mauer auf (Annette Ramelsberger, SZ 2./3.10.19).

 

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