Der Historiker Gregor Schöllgen hat von 1985 bis 2017 Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Erlangen gelehrt. Er war in dieser Zeit auch für die Ausbildung der Attachés im Auswärtigen Amt verantwortlich. Er unterzieht die westlichen Bündnisse einer scharfen Kritik (FAS 11.8.19). Vielen von uns, auch mir persönlich, passt das nicht in den Kram. Trotzdem haben die Ausführungen Schöllgens hohe Plausibilität:
1. NATO und EU entstammen einer versunkenen Welt.
2. Die Staaten Europas waren seit jeher in Bündnissen organisiert.
3. Zur Stabilität dieser Bündnisse bedurfte es eines Feindbildes. In Europa wurde es hauptsächlich vom 1871 gegründeten Deutschen Reich geliefert, das 1945 untergegangen ist.
4. Nach dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg blieben die Sowjets in Deutschland. Dann auch die US-Amerikaner.
5. Ohne den Osten hätte es also den Westen nie gegeben.
6. Die europäischen Staaten schlossen sich nicht zuletzt deswegen zusammen, weil sie ihre nationalstaatliche Unabhängigkeit behalten wollten.
7. Westeuropa wurde nach 1945 von vornherein von den USA dominiert, weil sie Atomwaffen hatten.
8. Nach 1989/90 haben NATO und EU nicht auf die „ostfreie Lage“ reagiert, obwohl die UdSSR 1991 verschwunden war.
9. Der Osten musste (als Drohkulisse) für den Westen weiterleben.
10. Diese Rolle hat er unter Wladimir Putin konsequent weitergespielt. Nicht zuletzt durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014.
11. 2009 hob die EU mit Armenien, Aserbeidschan, Moldawien, Georgien, der Ukraine und Weißrussland, also mit sechs ehemaligen Sowjetrepubliken, eine sogenannte östliche Partnerschaft aus der Taufe.
12. In vormaligen Sowjetrepubliken und Warschauer Pakt-Staaten sind Truppen von NATO-Ländern stationiert.
13. Die US-amerikanische Vormundschaft in Westeuropa blieb bestehen.
14. Donald Trump behält im Wesentlichen die Einstellung seiner Vorgänger zu den Partnern und Verbündeten bei.
15. Der Rückzug vom Atomabkommen mit dem Iran und die Aussetzung des Vertrages über landgestützte nukleare Mittelstreckenraketen sind insofern legitim.
16. Die europäischen Partner haben angesichts dessen ihrer eigenen Wahrnehmung nach keine Alternative.
17. Europa hat bisher keine eigene Armee geschafft.
18. Bei den Problemen handelt es sich also nicht um die persönlichen Eigenschaften Donald Trumps, sondern um tieferliegende Strukturprobleme.
19. „Die Weigerung der allermeisten Staaten Europas, sich nennenswert an der Aufnahme von Migranten, Flüchtlingen und Asylanten zu beteiligen, oder ihre Unfähigkeit, sich im Angesicht einer globalen Katastrophe auf verbindliche Regeln für die Rettung der Umwelt zu einigen, sind Symptome eines Defizits.“
20. Der US-Präsident spielt mit dem Gedanken des Austritts aus der NATO.
21. Wenn in Staaten wie Belgien, Frankreich, Großbritannien oder Italien die Kräfte die Mehrheit gewinnen, die Europa zerstören wollen, ist das kein bloßer Betriebsunfall.
22. Europa muss wissen, was es ist und wo es steht.
23. „Wie der am 22. Januar unterzeichnete Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Integration zeigt, fehlen aber selbst den europäischen Gründernationen in der vitalen Frage einer gemeinsamen Außen- und Siocherheitspolitik der Mut und die Kraft.“
24. „Daher sollte man den britischen Austritt aus der EU und den amerikanischen Rückzug aus der NATO als Chance begreifen.“
25. „Ein Tabu darf es nicht geben.“