Franz Kafkas (1883-1924) Freund und Nachlassverwalter Max Brod (1884-1968) floh im März 1939 „in letzter Sekunde“ aus Prag, das bereits von der Nazi-Wehrmacht besetzt war. Dabei hatte er den berühmten Koffer mit den Skripten Kafkas. Der Inhalt wurde später zum Gegenstand eines jahrzehntelangen Rechtsstreits (1973-2016), der Franz Kafkas „Process“ immer ähnlicher wurde. Die wissenschaftliche und feuilletonistische Literatur über Kafka ist – für mich, der anfangs mit der Kafka-Lektüre durchaus Probleme hatte – unübersehbar. Aber Franz Kafka hat mittlerweile seinen festen Platz in der Weltliteratur.
Diese ganze höchst komplexe Lage klärt der US-amerikanische Journalist Benjamin Balint in seinem Buch
Kafkas letzter Prozess. Berlin (Berenberg) 2019, 336 S., 25 Euro.
Balint hat umfangreich Auskunft über sein Projekt gegeben: Die Zeit, 7.3.19; Literarische Welt 11.5.19. Nun vervollständigt Wolfgang Schneider (FAZ 25.5.19) Balints Erkenntnisse.
Max Brod fühlte sich fremd im Exil in Tel Aviv, bis 1942 Ester Hoffe in sein Leben trat und für die letzten 25 Lebensjahre seine wichtigste Mitarbeiterin wurde. Schon 1952 vermachte er ihr die Kafka-Manuskripte mit sofortiger Wirkung als Schenkung, weshalb sie nicht zu seinem Nachlass gehörten. 1961 verfügte Max Brod, dass Ester Hoffe seinen eigenen Nachlass irgendwann der Universitätsbibliothek Jerusalem oder einer anderen öffentlichen Bücherei zur Verfügung stellen sollte.
Bereits 1973 klagte der Staat Israel zum ersten Mal gegen Ester Hoffe auf Herausgabe der Kafka-Manuskripte. Tatsächlich hatte das Literaturarchiv Marbach das „Process“-Manuskript ersteigert. Nach Ester Hoffes Tod 2009 strengte die israelische Nationalbibliothek gegen deren Tochter und Erbin Eva Hoffe einen Prozess an. Die Tel Aviver Richterin begründete die Wiederaufnahme des Verfahrens mit Zitaten aus Kafkas „Process“. Eva Hoffe fühlte sich bald wie eine Figur von Kafka. Verfolgt von einer undurchsichtigen Justiz. Die bedeutendsten Stücke aus Brods Nachlass lagerten mittlerweile in Tresoren in Zürich und Tel Aviv. 2016 wurde Eva Hoffe zugunsten der israelischen Nationalbibliothek enteignet. Die Forschung atmete auf, weil nun ein verlässlicher Umgang mit den Manuskripten garantiert war. Eva Hoffe starb 2018.
Interessanter als die juristischen Spitzfindigkeiten sind die Themen, die in die Argumentationen und Plädoyers eingingen. Wie „jüdisch“ war Kafka überhaupt? Sein geistiger Haushalt war von deutschen Klassikern bestimmt: Goethe, Kleist, Hebbel und Schopenhauer. Erst spät interessierte er sich für das jiddische Theater und lernte Hebräisch. Balint führt Israels Verhältnis zur Kultur der Diaspora vor. Danach gehörten jüdische Kulturgüter aus der Zeit vor der Staatsgründung 1948 unbedingt nach Israel. Im Zuge der großen „Einsammlung des Zerstreuten“. Dieser Beanspruchung Kafkas steht der starke Impuls zur Überwindung der Diaspora-Kultur gegenüber. Balint erklärt uns, dass in Israel niemals – wie in Deutschland – ein Kafka-Kult herrschte. Dort gibt es keinen Kafka-Preis und keine Kafka-Straße.
„Kafka verkörpert für die Israelis nicht zuletzt die politische Machtlosigkeit und Passivität, den Pessimismus, der aus eigener Hilflosigkeit erwächst und den die Zionisten entschieden ablehnen.“
Damit wollte die Generation der israelischen Gründer nichts mehr zu tun haben. Dort musste man in der Lage sein, notfalls als Soldat sein Land zu verteidigen. Kafka bot weniger eine Lektüre für die Überlebenden des Holocaust als für die danach zerknirschten Deutschen. Insofern hat bei Balint das Bemühen deutscher Instanzen um Kafka viel damit zu tun, „die eigene schändliche Vergangenheit zu überwinden“. Das Literaturarchiv Marbach trat im Prozess um Kafkas Nachlass als Sachwalter universalistischer Interessen auf gegen den zionstischen Partikularismus. Israel ging es um das Prestige. Mit Kafka lässt sich das internationale Ansehen verbessern.
Balint schildert die wunderbare Freundschaft zwischen Kafka und Brod, der seinerzeit selbst einer der erfolgreichsten Prager Autoren war. Er war von der Genialität Franz Kafkas überzeugt und sammelte noch jeden Schmierzettel von ihm. Bei den Verlagen war Brod Kafkas Fürsprecher. „Prozess“ und „Schloss“ mussten noch in verschiedenen Verlagen erscheinen. Der Verleger Kurt Wolff klagte über den mangelnden Absatz vom „Schloss“. Erst ab 1935 erschien eine Kafka-Gesamtausgabe im Schocken-Verlag. Viele der von Benjamin Balint präsentierten Details waren vorher bekannt, aber noch nie so schlüssig geordnet.