Vor hundert Jahren (im März 1919) erschien Kurt Tucholskys Aufsatz „Wir Negativen“ in der „Weltbühne“ (hervorgegangen 1918 aus der „Schaubühne“, gegründet von Siegfried Jacobsohn). Er zählt heute zu den bekanntesten und wichtigsten des scharfzüngigen und kritischen Publizisten. Gerhard Henschel hat sich in der FAS (24.3.19) die Kontroverse darüber vorgenommen.
Tucholsky setzte sich mit dem Vorwurf auseinander, dass die „Weltbühne“ zu allem nein sage und eine Nestbeschmutzerin sei, weil sie ständig die Regierung, die Justiz und andere staatliche Institutionen kritisierte. Ihm war die „Revolution“ 1918/19 nicht weit genug gegangen. Im Bürgertum, in der Politik, in der Reichswehr, in der Beamtenschaft und in den Unternehmungen herrsche immer noch der alte Ungeist, der das Land in den Abgrund gestürzt habe, und deshalb könne der neue Staat noch nicht bejaht werden. Es müsse „mit eisernem Besen jetzt, gerade jetzt und heute ausgekehrt werden, was in Deutschland faul und vom Übel war und ist“.
Nachdem die „Weltbühne“ die illegale Luftrüstung der Reichswehr aufgedeckt hatte, wurden 1931 der Herausgeber Carl von Ossietzky und der Verfasser des Artikels, Walter Kreiser, vor Gericht gestellt wegen des Verrats „militärischer Geheimnisse“ und zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Kreiser floh ins Ausland, Ossietzky trat die Haft an, wurde nach 227 Tagen amnestiert, jedoch im Februar 1933 erneut verhaftet. Im Konzentrationslager Esterwegen wurde er bis 1936 gequält und geschunden. An den Folgen seiner Haft starb er im Mai 1938 mit 49 Jahren an Tuberkulose.
Die Nazis hassten Ossietzky und Tucholsky. Letzteren besonders weil er Jude war und seine Gegner mit beißendem Spott überziehen konnte. 1921 zitierte eine Statistik aus der Feder des Pazifisten Emil Julius Gumbel. Danach hatten die deutschen Gerichte seit 1913 für 314 „Morde von rechts“ insgesamt 31 Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe sowie eine lebenslange Festungshaft verhängt. Für 13 „Morde von links“ hingegen acht Todesurteile sowie 176 Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe. Viele der „Morde von rechts“ wurden von illegalen paramilitärischen Verbänden wie Freikorps begangen. Sie fanden die Billigung von Reichswehrminister Otto Geßler.
Drei Jahre nach seinem Tod, 1958, erschienen Geßlers Memoiren. Darin schrieb der ehemalige Minister: „Ich hielt es und halte es heute noch für eine der bedenklichsten Schwächen des Weimarer Systems, dass es aus seiner liberalen Ideologie heraus jene großstädtischen Sumpfblüten nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat.“ Geßler hielt es für „ein Versäumnis ihrer Rassegenossen, dass sie es nicht für nötig hielten, hier vor aller Öffentlichkeit einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen“. Kurt Tucholsky hatte schon 1922 gesagt: „Überhaupt: ein Jude soll nicht solches Aufsehen von sich machen! Das reizt nur den Antisemitismus.“ Carl von Ossietzky hatte 1930 die Frage gestellt, warum Adolf Hitler nicht des Landes verwiesen werde. Gegen Ausländer würden die Behörden doch sonst mit aller Härte vorgehen.
Nach 1945 fanden Ossietzky und Tucholsky nicht überall Zustimmung. So schrieb Golo Mann 1960, man solle „auch eingestehen, dass der in der Weimarer Republik gängige Ausdruck ‚jüdisch-zersetzend‘ nicht völlig ohne Boden war“. Zwei jahre später warf der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer Kurt Tucholsky vor, er habe ein „literarisches Zerstörungswerk an der Republik“ begangen. Rudolf Augstein widersprach 1964: „Man muss einer dieser Kokett-Schreiber oder recht ahnungslos sein, will man diesen Mann einen Totengräber des Staates von Weimar nennen.“ Allerdings blieb er leider nicht bei seiner Meinung. Ihm mussten der „Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza und Axel Eggebrecht widersprechen, einer der wenigen damals noch lebenden Autoren der „Weltbühne“.
Willy Brandt kannte als junger Linkssozialist die „Weltbühne“. Er schrieb 1986: „Die wurde von vielen Sozialdemokraten für ‚zu negativ‘ gehalten, aber gewiss hat die Geschichte deren Kampf gegen den Militarismus und seine konspirativen Unternehmungen gerechtfertigt.“ Die Kontroversen um Kurt Tucholsky gingen allerdings weiter. 2005 formulierte der Rezensent Horst Meier: „Zählte nicht gerade Tucholsky zu den Republikanern, von denen diese schwindsüchtige Republik viel zu wenige hatte.“ Kommentar W.S.: Das genau ist die einzig richtige Position!
Wäre es zum Beispiel klüger gewesen, die „Fememorde“ der geheimen „Schwarzen Reichswehr“ unaufgedeckt zu lassen? Kurt Tucholsky schrieb damals: „Hindenburg bedeutet: Krach mit aller Welt, unaufhörliche internationale Schwierigkeiten, durchaus begründetes Misstrauen des Auslandes, insbesondere Frankreichs, gegenüber Deutschland. Hindenburg ist: Die Republik auf Abruf. Hindenburg bedeutet: Krieg.“
Eine Woche später hieß es im
„Göttinger Tageblatt“,
einem seinerzeit rechtsextremen Blatt, über Kurt Tucholsky: „… begeifert der hebräische Schmutzfink mit Tausenden von Seinesgleichen unter dem Schutz des Zentrums, der Demokraten und der Sozialdemokraten nun schon seit Jahren alles, was dem Deutschen heilig ist. Es hat sich bis heute niemand gefunden, der dem Burschen den Davidstern mit der Reitpeitsche ins Gesicht gezeichnet hätte.“