2289: Maxim Biller und die Deutschen

Maxim Biller hat es mit den Deutschen nicht leicht. Der 1960 in Prag geborene Schriftsteller versucht in einem Essay in der „Literarischen Welt“ (16.2.19) zu belegen, dass deutsche Intellektuelle, egal ob rechts oder links, in den Fallstricken der deutschen Schuld durch den Holocaust hängen bleiben. Er behauptet sogar eine Nähe zwischen rechts und links. Und, das verwundert manche gewiss, er hat recht.

Als Beispiele greift er so bekannte wie erfolgreiche Journalisten, Autoren, Regisseure, Produzenten und Wissenschaftler auf wie Frank Schirrmacher (1959-2014), Nico Hofmann (geb. 1959), Bernd Eichinger (1949-2011), Frank Castorf (geb. 1951), Botho Strauß (geb. 1944), Helmut Lethen (geb. 1939) und Harald Martenstein (geb.1953). Bei allen handelt es sich um in ihrer Branche höchst erfolgreiche Protagonisten.

Bei Schirrmacher nennt er neben seinen vielfältigen politisch korrekten publizistischen Aktionen (z.B. Walser, Reich-Ranicki etc.) dessen Lobpreis für Nico Hofmanns „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Bernd Eichinger dessen „Bunker-Operette“ „Der Untergang“ (mit Bruno Ganz, gerade gestorben). „Und trotzdem war es von dort nie sehr weit zu einem Weltbild, in dem alles Westliche, Liberale und Jüdische als absolut fragwürdig, falsch und undeutsch galt, …“

„Anders kann ich mir jedenfalls nicht die anachronistische und völlig unlogische Schwäche so vieler moderner, scheinbar aufgeklärter Deutscher für

Ernst Jüngers eisigen Menschenhass erklären,

für Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie,

für Martin Heideggers Zivilisationsparanoia,

für Gottfried Benns Emigrantenverachtung,

für Stefan Georges Verherrlichung tyrannischer Männlichkeit,

für Oswald Spenglers Untergangsträume,

für Richard Wagners gesungene und geschmetterte Deutschlandfantasien.“

„Sie alle verband nämlich neben ihrem oft sehr offenen, wütenden Antisemitismus, der interessanterweise heute niemand stört, so dass man fast denken muss, er ist sogar einer der Gründe für ihre immer weiter anschwellende Popularität – die Sehnsucht nach einer mythischen, vordemokratischen, urvolkhaften Zeit, die absolut nichts mit unserer globalen Twitter- und Foodora-Welt zu tun hat – und wahrscheinlich übt genau das auf viele der heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“

Biller sieht bei Frank Castorfs Theaterarbeit, wie an der „Volksbühne“ die Stoffe durch den „nationabolschewistischen Fleischwolf“ gedreht werden. Botho Strauß führt bei Biller einen „beleidigten Angriff auf die Heiligkeit und Liberalität unserer westlichen Lebensideen“. Von da ist es nicht weit zu Claas Relotius‘ Fälschungen. Dirk Kurbjuweit habe im „Spiegel“ 2014 Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ verteidigt, mit der der Historiker-Streit ausgelöst worden war.

Zentral ist bei Biller die Tisch- und Bettgemeinschaft des Ehepaars Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Er gehörte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur KPD-AO (ganz links), konnte dadurch nicht in den öffentlichen Dienst und wurde erst 1996 Germanistik-Professor in Rostock. Sie war dort seine Studentin und ist heute eine führende Publizistin der „Identitären“ (ganz rechts). In den „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) schrieb er über die Intellektuellen der Weimarer Republik. 2018 erschienen „Die Staatsräte“, wo er die Zusammenarbeit der Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt mit den Nazis thematisiert und teilweise fiktionalisiert. Caroline Sommerfeld empfindet sich als die eigentliche Hüterin der Lehre Rudolf Steiners, von dessen offenem Rassismus sich der Bund der freien Waldorfschulen in seiner Stuttgarter Erklärung erst 2007 distanziert hatte (vgl. hierzu eigens: Volker Weiß, FAS 3.2.19). Die beiden Söhne Sommerfeld/Lethens waren kürzlich der Grund für ein Zerwürfnis des Paars mit der Wiener Waldorfschule.

Maxim Biller kritisiert, dass „Spiegel“-Mann Dirk Kurbjuweit sich unfrei fühlt durch „Jahrzehnte deutscher Geschichtserziehung in Schulen, durch Medien, Bücher, durch den Historikerstreit“. Er ist angeekelt von den Sympathien der Fernseh-Journalisten von „Kulturzeit“ für die „ultranationalistischen Gelbwesten-Antisemiten“. Und er zitiert Harald Martenstein mit dem Satz: „Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich.“

Was Maxim Biller also an vielen deutschen Intellektuellen von links bis rechts kritisiert, sind ihre antiwestlichen Affekte, ihr latenter Antisemitismus und ihr Antimodernismus. Damit hat er leider recht.

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