Für seine These vom „Ende der Geschichte“ vor knapp 30 Jahren wurde Francis Fukuyama, geb. 1951, hauptsächlich verlacht. Sie besagte ja, dass sich die westliche liberale Demokratie endgültig durchgesetzt habe. Besonders verachtet wurde Fukuyamas These bei den Linken, die gar nicht wollen, dass die liberale Demokratie siegt. Sie sehen in ihr einen kapitalistischen Repressionsstaat. Aber spätestens mit Putins Annektion der Krim 2014 ist Fukuyamas These endgültig ad absurdum geführt.
Nun hat Fukuyama ein neues Buch vorgelegt, von dem ich annehme, dass es auf genau so viel Widerstand trifft wie „Das Ende der Geschichte“:
„Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.“ (Hoffmann und Campe), 240 Seiten, 22 Euro.
Ich verwende für meine Analyse einmal einen Beitrag von Marc Reichwein (Literarische Welt 2.2.19), zweitens ein Interview von Gregor Quack mit Francis Fukuyama (FAS 3.2.19) und fasse meine Argumente in 13 Punkten zusammen:
1. Nach eigenem Bekunden hat Fukuyama seine Meinung aus zwei Gründen geändert. a) Wegen des Irakkriegs der USA, der ihm gezeigt habe, dass man Demokratie nicht einfach militärisch installieren könne. b) Auf Grund der Finanzkrise von 2008, die belege, dass die Märkte sich nicht selbst zum Besten regulierten.
2. Diejenigen, die sich durch Identitätspolitik für Minderheiten (Schwarze, Frauen, Behinderte, Alleinerziehende, Homosexuelle, Flüchtlinge et alii) bedroht fühlten, täten das nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus kulturellen Gründen. Die Bedrohung komme nicht mehr von außen (Russland, China), sondern von innen.
3. Wir brauchten deswegen eine Leitkultur. Aber nicht im Sinne von Friedrich Merz 2000. Sondern im Sinne meines Göttinger Kollegen
Bassam Tibi.
Der hatte „Leitkultur“ als „Glauben an Gleichheit und demokratische Werte“ definiert.
4. Der von Rechtspopulisten gerne ins Feld geführte und von Plato entlehnte Begriff des „Thymos“ bedeute eigentlich den Wunsch nach Anerkennung und Respekt. In der aktuellen politischen Realität bedeute er ein Gefühl der Benachteiligung und der Rehabilitierung von Ressentiment, Wut und Zorn.
5. Begründet sei dieser Wunsch gegenwärtig durch die falsche linke Politik, die Interessen von Minderheiten in den Vordergrund zu schieben (so auch Mark Lilla).
6. Zugleich sei zu verzeichnen eine zunehmende sozioökonomische Ungleichheit im Westen.
7. Die Linke schätze dabei die Identität einzelner Gruppen gering wie die der weißen Europäer, der Christen und der Landbevölkerung.
8. Migration sei die größte Herausforderung.
9. „Bürger heutiger Gesellschaften verfügen über verschiedene Identitäten.“
10. Dem werde ein streng ideologisches Verständnis von Multikulturalismus nicht gerecht.
11. Die rechte Version von Identitätspolitik wolle die USA auf einen Stand von vor 1960 zurückfahren, wo ein „echter“ Amerikaner weiß war.
12. In vielen Gesellschaften sei traditionell das Militär die mächtigste Integrationsmaschine.
13. „Aktuell glaube ich, dass wir hier in den Vereinigten Staaten mehr Sozialdemokratie gebrauchen könnten.“
Kommentar W.S.: Fukuyamas Thesen werden enormen theoretischen Widerstand auf den Plan rufen.