1. Angesichts des ersten Jahrestags der #MeToo-Debatte widmet die FAS ihr Feuilleton dem Schreiben über Sex (FAS 7.10.18).
2. Vor einigen Wochen hatte die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse beklagt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner sei als noch vor wenigen Jahren.
3. Menasse: „Heute wäre so gut wie undenkbar, dass Nabokovs ‚Lolita‘ veröffentlicht werden könnte, eines der großartigsten Kunstwerke der Literatur, obwohl und weil es um einen detailliert beschriebenen Kindesmissbrauch geht. … Die eigenen Leute, das eigene Lager, an ihrer Spitze die ganz Jungen, verlieren ihre Liberalität, die Offenheit und Neugier und vor allem den Humor, den wir den Rechten früher voraushatten. Sie geben das auf zugunsten von Forderungen nach literarischer Säuberung, von Denk- und Redeverboten, die aus falsch verstandener, aus auf die Spitze getriebener Rücksichtsnahme entstanden sind.“
4. Wie Tobias Rüther zeigt (FAS 7.10.18), macht „Lolita“ (1958 bei Putnam publiziert) gerade sichtbar, wie Machtverhältnisse sexuell ausgenutzt werden können.
5. Der Plot: ein pädophiler französischer Lehrer in Amerika, der eines Tages, durch Zufall, die zwölfjährige Dolores und deren Mutter kennenlernt, ins Haus der Familie Haze einzieht und die Mutter heiratet, um der Tochter nahe zu sein. Die Mutter entdeckt die pädophilen Neigungen ihres Mannes für ihre Tochter, stürzt aus dem Haus und läuft vor ein Auto. Humbert, verwitwet, nimmt das Mädchen, das gerade im Sommerlager ist, mit auf einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel. Irgendwann ist er am Ziel, hat Sex mit dem Mädchen, Tag für Tag und so oft er will, er bezahlt sie auch dafür. Die Reise endet nach einem Jahr in Beardsley, wo Dolores kurz zur Schule geht. Die beiden brechen bald erneut auf, Richtung Westen, irgendwann wird Dolores krank, muss ins Spital, verschwindet von dort. Humbert, aufgelöst, verzweifelt, sucht und sucht und findet sie schließlich, drei jahre später. Da ist Dolores verheiratet und schwanger. Die beiden nehmen Abschied voneinander – und Humbert reist weiter und erschießt den Mann, zu dem Dolores gezogen war, nachdem sie aus dem Krankenhaus abgehauen war. Er wird von der Verkehrspolizei festgenommen, schreibt in der Haft jenen Text, aus dem ‚Lolita‘, der Roman, gemacht ist. Sein Arzt bringt ihn posthum heraus. Denn Humbert stirbt am Ende, genau wie Dolores, die er Lolita nannte. Humberts wahren Namen erfährt man nie.
6. „‚Lolita‘ ist das Psychogramm eines Täters, und das erzählerische Risiko, das Nabokov eingegangen ist, indem er die Tat von innen her zu beschreiben versucht, spürt man noch immer.“
7. „Was das Publikum von Dolores weiß, weiß es nur von ihm. Wenn es bei #MeToo darum geht, die Opfer zu Wort kommen zu lassen, dann ist ‚Lolita‘ das komplette Gegenteil davon, und mehr noch: Der Täter schildert auch sein Opfer und entrechtet es damit ein weiteres Mal.“
8. „Humbert … ist jederzeit im Vollbesitz dieser Erzählung. Sosehr er auch leidet, sosehr er sich selbst, in seiner Raserei und Verzweiflung und Geilheit, auch verachtet und diese Verachtung mit der Verachtung anderer, kleinerer Geister verbrämt: Er entscheidet, was er preisgibt. Eigentlich wissen wir gar nicht, was wirklich geschah, wir wissen nur, was Humbert uns zu wissen gegeben hat. ‚Lolita‘ ist ein Meisterwerk der Machtverhältnisse – auch der über seine Leserinnen und Leser.“
9. Zitat: „Wie süß war es, ihr den Kaffee zu bringen und ihn ihr dann zu verweigern, bis sie ihre Morgenpflicht erfüllt hatte.“
10. Die Tochter des Verlegers Walter Minton, Jenny, meint, dass es damals eine radikale Tat gewesen sei, das Buch zu drucken, und heute wäre es das immer noch.