Meine Gottfried Benn-Ausgabe „Gesammelte Werke in acht Bänden“ von 1960 ist im Limes Verlag herausgegeben worden von Dieter Wellershoff. Der hatte 1952 promoviert über das Thema „Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde.“. Die Dissertation erschien erst 1958. Wellershoffs Welt war bestimmt von seinem Erleben des Zweiten Weltkriegs als „Schülersoldat“. Nach dem Krieg studierte er. Er hat die deutsche Literatur nach 1945 maßgeblich bestimmt nicht nur als Romancier, sondern er schrieb auch Hörspiele, Erzählungen, Essays und Drehbücher. Von 1959 bis 1981 war er Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Er „betreute“ Heinrich Böll. Und er entdeckte Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born, Günter Wallraff, Günter Seuren und Günter Herburger.
In seinen eigenen Publikationen stand Dieter Wellershoff für einen „neuen Realismus“. Seine Beiträge waren unaufgeregt und nachdenklich. Er war der Anthropologie Arnold Gehlens verpflichtet. In aktuellen politischen Diskursen meldete er sich selten, dann aber nachdrücklich zu Wort. Zu Köln hielt der Rheinpreuße und Protestant eine von kritischer Sympathie durchwirkte Distanz.
Ein Bestseller wurde 2000 Wellershoffs an Goethes „Wahlverwandtschaften“ angelehnter „Ein Liebeswunsch“, die Versuchsanordnung zweier Paare, die in den neunziger Jahren in Kölner Akademikerkreisen spielt. Marcel Reich-Ranicki war davon begeistert. Über die „Literatur des Begehrens“ hat Wellershoff viel geschrieben. 2001 erschien „Der verstörte Eros“, in dem viele Verführerinnen, Ehebrecher und Glückssucher ihren Auftritt haben.
Zu Wellershoffs 90. Geburtstag 2015 wurde eine Festschrift publiziert. Darin schrieb Wellershoffs Kommilitone Jürgen Habermas: „Damals in Bonn, als alles anfing, warst du der Chef der Deutschen Studentenzeitung und hast mich zum ersten Leitartikel meines Lebens ermuntert.“ Dieter Wellershoff ist in Köln gestorben (Meike Fessmann, SZ 16./17.6.18; Andreas Rossmann, FAZ 16.6.18; Marc Reichwein, Literarische Welt 16.6.18).