Der Rechtschreibrat hat seine Entscheidung über die „geschlechtergerechte Sprache“ vertagt. Matthias Heine (Die Welt 9.6.18) beschreibt die sich dabei gegenüberstehenden Gruppen relativ treffend:
„Auf der einen Seite stehen die Gender-Skeptiker, die sagen, das grammatische Geschlecht – also das Genus eines Worts – habe mit dem natürlichen Geschlecht – also dem Sexus – nichts zu tun. Deshalb wären bei Pluralformen maskuliner Wörter wie ‚Lehrer‘, ‚Arbeiter‘, ‚Kunden‘ und ‚Astronauten‘ selbstverständlich Frauen mit bezeichnet und es sei überflüssig, extra zu kennzeichnen, dass man auch Frauen meine. Darüber hinaus verstießen die bisher bekannten Formen zur Herstellung von sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit sowohl gegen das ästhetische Sprachempfinden als auch gegen grammatische Strukturen des Deutschen. ‚Studierende‘ seien nicht dasselbe wie ‚Studenten‘. Und im Übrigen sei die Sprache etwas frei Gewachsenes, bei dem behördliche Regelungen nur Schaden anrichten könnten.“
„Dem gegenüber stehen die Gerechtigkeitshersteller, die argumentieren, von den Sprachteilnehmern werde das grammatische Geschlecht durchaus als Indikator für das natürliche Geschlecht wahrgenommen. Psychologische Tests hätten ergeben, dass Deutschsprecher sich unter ‚Astronauten‘ und ‚Spionen‘ eben doch eher Männer und weniger Frauen vorstellten. Die Grammatik sei wandelbar, wer Gleichheit der Geschlechter anstrebe, müsse dies auch sprachlich zeigen, und ästhetische Fragen seien zweitrangig, wenn’s ums große Menschheitsganze geht.“
Und dann widerspreche ich Matthias Heine, der – marxistisch gesprochen – annimmt, dass die Basis den Überbau, die Sprache also, bestimmt. Wir
Konstruktivisten
wissen, dass Wilhelm von Humboldt Recht hatte, als er annahm, dass Sprache unsere Sicht auf die Welt lenkt. Für uns ist die Welt immer nur so, wie wir sie vorher konstruiert haben. Im übrigen ein starkes Argument
für eine geschlechtergerechte Sprache.
Dann sagt Heine zu Recht über viele Linguisten: „Sie können sagen, welche Formen wo und wie oft in großen digitalen Sprachkorpora erscheinen. Aber niemals haben sie ein Gedicht auswendig gelernt. Die Schönheit und das Spielerische in der Sprache sind ihnen nicht nur unwichtig, sie wissen gar nichts von deren Existenz.“
Ja, ja, und dreimal ja! Ich denke an meine Lesung von Gedichten Gottfried Benns an seinem hundertsten Geburtstag, am 2. Mai 1986, im Jungen Theater in Göttingen.