2020: Harald Welzer: Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit

Der Soziologe und Sozialpsychologe

Harald Welzer

hat sich zum führenden Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Ich kann seinen Weg hier gar nicht im einzelnen nachzeichnen. Es sollen seine Texte sprechen (Die Zeit, 30.5.18). Dabei ist sich Welzer nicht zu schade, einzelne grundlegende Bausteine einzufügen, bei denen manche glauben, sie seien allgemein bekannt. Welzer charakterisiert die aktuelle öffentliche Meinung in Deutschland. Nicht neutral, sondern in seiner Parteilichkeit.

1. „Der Holocaust war als größtes Menschheitsverbrechen der Geschichte einzigartig und unvergleichlich, der Weg dorthin aber war das Ergebnis einer verhängnisvollen Entwicklung, in der eine moderne Demokratie in eine diktatorische Ausgrenzungsgesellschaft transformiert wurde. Und mit ihr die moralischen Überzeugungen und die selbstverständlichen Annahmen darüber, wie man mit Menschen umgeht.“

2. Welzer zitiert Sebastian Haffner in seiner „Geschichte eines Deutschen“. „Indem die Nazis, schreibt Haffner, ‚irgendjemand – ein Land, ein Volk, eine Menschengruppe – öffentlich mit dem Tode bedrohten, brachten sie es zustande, dass nicht ihre, sondern seine Lebensberechtigung plötzlich allgemein diskutiert – d.h. in Frage gestellt wurde. Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben.“

3. Es wurde nicht die „Nazifrage“ diskutiert, sondern die „Judenfrage“.

4. „Vorurteile und Ressentiments gedeihen dort am besten, wo es die Hassobjekte etwa in Gestalt von ‚Ausländern‘, ‚Muslimen‘, ‚Flüchtlingen‘, ‚Juden‘ und so weiter gar nicht gibt, wo mithin keine Realitätsprüfung stattfinden muss.“

5. Es bringt gar nichts, dass die Kriminalität auf dem niedrigsten Stand seit 1992 ist.

6. Hetzbereite Politiker wie Alexander Dobrindt mit seiner „konservativen Revolution“ und seiner Hasstirade zur „Anti-Abschiebe-Industrie“ befeuern die Ressentiments.

7. Ein Viertel der bislang 170 Anfragen der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag hat Migration und Flucht zum Thema. In einer kleinen Anfrage vom 23. März 2018 etwa wird die Bundesregierung gefragt, wie sich die Zahl der Behinderten in Deutschland seit 2012 entwickelt habe. Und zwar „insbesondere die durch Heirat innerhalb der Familie entstandenen“. „Diese unverbrämte Assoziation von Behinderung mit Inzucht und Migration ist purer Rassismus.“

8. Die Kombination von „Ausländer“ und „Kosten“ ist ein zuverlässig wirksamer Appell an die Menschenfeindlichkeit.

9. Leider bilden die etablierten Medien häufig den Resonanzkörper für die begrifflichen Grenzüberschreitungen der Rassisten und Fremdenfeinde.

10. Plötzlich erzählen Rentner aus saturierten Umlandgemeinden, nachts könne man nicht mehr auf die Straße gehen wegen all der Flüchtlinge. „Das tun sie nicht wegen der AfD, sie tun es, weil Brückenfiguren wie

Horst Seehofer und Christian Lindner

deren ausgrenzende und menschenfeindliche Haltungen gesellschaftsfähig machen …“

11. Ein „Heimatministerium“, Kreuze in öffentlichen Gebäuden und der „Kulturkampf“ verstärken das.

12. „Demokratien gehen nicht an zu vielen Feinden, sondern an zu wenigen Freunden und Verteidigerinnen zugrunde.“

13. „Vor diesem historischen Hintergrund ist die Renaissance der Menschenfeindlichkeit in der in fast jeder Hinsicht hervorragend funktionierenden Bundesrepublik der Gegenwart nur auf mangelnde Gegenwehr zurückzuführen.“

14. Das Engagement für die offene Gesellschaft, für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten kann jederzeit ziemlich leicht im Job und im Privaten stattfinden, im Freundeskreis, in der Familie, in der Straßenbahn und in sozialen Netzwerken.

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