Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, geb. 1966, las 2017 in der Zeitung, dass der englische Prinz Andrew nach Kanada gereist war, um an der Lakefield College School im Namen des verstorbenen Schulpastors
Keith Gleed
ein Taufbecken einzuweihen. Daraufhin meldeten sich ehemalige Schüler des Internats und gaben an, von Keith Gleed vergewaltigt worden zu sein. Erst drei, dann zehn, dann dreißig ehemalige Mitschüler von Christian Kracht, der das Internat auch besucht hatte.
„Kracht erinnerte sich nun beim Lesen des Artikels, dass Pastor Keith Gleed ihn einmal in sein Holzhaus auf dem Campus gerufen und dort aufgefordert hatte, sich nackt auszuziehen. Er musste sich umdrehen, seinen Oberkörper nach vorne über eine Couch beugen. Hinter sich konnte er hören, wie Gleed seine Hose öffnete, die Schnalle des Gürtels öffnete und den Gürtel aus den Schlaufen zog. Dann peitschte er den zwölfjährigen Jungen aus, sieben, acht Schläge. Als er fertig war, wies er den Knaben an, sich nicht umzudrehen. Christian Kracht verharrte in der Position, die ihm vorgegeben worden war, und hörte nur das Schnaufen des Pastors, der allem Anschein nach hinter ihm masturbierte.“
Davon berichtete Kracht nun in seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung im vollbesetzten Audimax der Goethe-Universität. In Lakefield war Kracht damals ein schmaler, blonder Junge aus den Schweizer Bergen gewesen. Seine Mitschüler hatten ihm den Spitznamen „Heidi“ gegeben und sich einen Spaß daraus gemacht, ihn zu quälen. Seine Eltern hatten Christian Kracht nicht geglaubt, sondern angenommen, seine Schilderungen seien seiner lebhaften Fantasie entsprungen.
In seinem Frankfurter Vortrag mit dem Titel „Emigration“ hat Kracht seine eigene Emigration beschrieben als lebenslangen Versuch,
„der Sprache Adolf Eichmanns“
zu entkommen. Deutsch ertrage er nur noch aus der Ferne und in den Romanen W.G. Sebalds, Erich Kästners, Clemens Setz‘ und Christoph Ransmayrs und einigen anderen. Die deutsche Literaturkritik habe ihn zwanzig Jahre lang nur als Popkünstler, Dandy und Faschisten gesehen. Und tatsächlich taten sich viele von uns mit den Romanen Christian Krachts schwer:
Faserland. 1995; 1979. 2001; Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. 2008; Imperium. 2012; Die Toten. 2016.
Die Texte wirkten auf viele sperrig und verstörend. In seiner Frankfurter Vorlesung erschien Kracht sehr zornig. Es gelinge ihm nicht, den Weg von Nabokov einzuschlagen und einfach auf Englisch zu schreiben.
„Ich komme von ihr (der Sprache, W.S.) nicht los, von meinem geliebten Deutsch.“
Das Trauma des Missbrauchs zieht sich durch Krachts gesamtes Werk. Es zeigt sich in der Beziehungsunfähigkeit seiner Protagonisten, in ihrem Solipsismus, ihrer „ausschweifenden Unbarmherzigkeit“. Seine Charaktere erklärte Kracht in Frankfurt vor allem mit dem Vokabular, das der Kulturwissenschaftler
Klaus Theweleit
1977 in seiner bahnbrechenden Untersuchung „Männerphantasien“ entwickelt hat, um das faschistische Subjekt zu beschreiben.
Pastor Gleed habe sich die Kinder, die ihm anvertraut worden waren, geradezu herangezüchtet. Es lag wohl, so Kracht, an der Freude daran, nackte Macht auszuüben, und an einem gewissen Ästhetizismus. Sein eigenes Leben beschrieb Kracht als eine „Suche nach Empfindlichkeit dem Ephemeren gegenüber, der Erkenntnis, dass das die Realität unseres Lebens ist.“ Er sprach vom Gewicht der Wackersteine, die Virginia Woolf sich in die Taschen gesteckt hat, bevor sie in den Fluss gestiegen ist.
„Das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Künstler war lange von der Frage geprägt, ob es sich bei seinen Texten und Auftritten lediglich um postmoderne Sprachspiele handelt, ernst konnte das schließlich niemand meinen: dieses Pathos, dieser hohe Ton. Kracht wurde als souveräner Dompteur aufgefasst, der das Publikum am hermeneutischen Zirkel durch die Manege führt. In Frankfurt stellte sich jetzt heraus:
Ein Spiel ist es nie gewesen.
Der Christian Kracht, der dort am Pult stand, hat noch nie einen ironischen Satz geschrieben. Es ging immer um alles, um den Menschen, den Humanismus. Jeder Roman, jede Erzählung war, so sieht es nach dieser großen Rede aus, einer einzigen Frage gewidmet: Der Frage, wie eine Kultur, die so viel Schönes hervorgebracht hat, gleichzeitig so grausam sein kann.“ (Felix Stephan, SZ 17.5.18)