In einem Interview mit Julia Encke (FAS 25.3.18) spricht der Münchener Philosoph Thomas Meyer (LMU) über Hannah Arendts neues, aus dem Nachlass erschienenes Buch „Die Freiheit, frei zu sein“. Es hat sich bereits über 50.000 mal verkauft, ein Bestseller.
Meyer: „… Arendt beherrschte von den Vorsokratikern bis hin zu den aktuellen politischen Debatten alles. Das führte zu viel Identifikation, ging aber auch hin zum Denunziatorischen. Gerade in Israel wird Hannah Arendt ignoriert. Sie ist diejenige, die die Liebe zu Israel nie eingelöst hat, wie es Gershom Scholem in der Kontroverse um ‚Eichmann in Jerusalem‘ nennt. Und Arendt ist jemand, die in ihrem Buch ‚Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‘ in den Fußnoten Nazi-Literatur benutzt! Hier gibt es so ein Moment von: Was will die eigentlich? Dann wieder ist sie die Einzige, die ganz früh die Debatten um Menschenrechte philosophisch in eine Formel übersetzt: das Recht, Rechte zu haben. Im Grunde gibt es vier Hannah Arendts:
diejenige, die wissenschaftlich sehr ernst genommen wird,
die Heilige,
die Verdammte –
und es gibt die Unbekannte.
Weil wir von ihrem Werk noch immer nur einen Bruchteil kennen und in ihrem Nachlass gigantische und spannende Sachen liegen.“