Wenn jemand wie Alexander Dobrindt (CSU) über die 68er spricht, stellen wir fest, dass er davon keine Ahnung hat. Das ist bei dem Soziologen Heinz Bude (geb. 1954) ganz anders. In seinem Buch „Adorno für Ruinenkinder“ (2018) arbeitet er einige wesentliche Aspekte der Studentenbewegung heraus. In einem Interview mit Mariam Lau (der Tochter von Bahman Nirumand) gibt er darüber Auskunft (Die Zeit 25.1.18).
Bude stellt zunächst ab auf die von den wichtigen Köpfen der 68er (Rudi Dutschke u.a.) herangezogene Literatur. Da sind drei Autoren wichtig:
Georg Lukács (1883-1971) mit
„Geschichte und Klassenbewusstsein“ (1923);
Walter Benjamin (1892-1940) mit
„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ (1936) und „Über den Begriff der Geschichte“ (1940)
und Theodor W. Adorno (1903-1969), der im Buchtitel auftaucht.
Bude: „Ich habe gelernt, eine Generation zu verstehen, die 1968 auf der Suche nach jemandem war, der sie auf ihrem Weg aus der Hölle begleiten könnte.“ „Die sexuelle Liberalisierung hat viel früher angefangen, mit Hildegard Knef, mit der Zeitschrift ‚Constanze‘ und mit der Kunstflugpilotin Beate Uhse, mit dem, jedenfalls dem Jahrgang nach, Flakhelfer Oswalt Kolle.“
Mit seinen Protagonisten geht Heinz Bude zu Recht keineswegs unkritisch um. „68 war insgesamt eine ziemlich ernste und trostlose Angelegenheit. Denken Sie nur an die diversen Parteiaufbauprojekte mit maoistischen, sowjetischen und trotzkistischen Varianten in den folgenden siebziger Jahren. Da wurde viel Lebensenergie vergeudet.“
Der Geist eines liberalen Antikommunismus (mit dem ich, W.S. stets verbunden war und bin) hatte 1968 keine große Chance. Dafür standen die nach 1945 hauptsächlich an der FU Berlin lehrenden Ernst Fraenkel (1898-1975) und Richard Löwenthal (1908-1991), einer der zentralen Theoretiker der SPD.
Was die Gegner der 68er hauptsächlich stört, ist die Tatsache, „dass Bindungen und Verpflichtungen nicht mehr einfach als gegeben hingenommen werden, sondern mit Mühen und Anstrengungen hergestellt und aufrechterhalten werden müssen.“
Bude sagt den 68ern heute, wo sie zwischen 70 und 80 Jahren alt sind: „Ihr habt einen unglaublichen Versuch der Befreiung gewagt. Da habt ihr revolutionäre Arroganz mit rebellischem Elan vermischt. Das ist euer Erbe, und es ist nicht abzusehen, dass so etwas so bald noch mal geschieht. … Jetzt dürft ihr gehen und eure Kinder … was anderes machen lassen.“
Gut!