Zweimal war Richard Gutjahr Zeuge bei terroristischen Anschlägen. Das wird ihm im Netz nun zum Verhängnis. Im Juli 2016 machte der Journalist, der hauptsächlich für den Bayerischen Rundfunk (BR) arbeitet, mit Frau und Kindern Urlaub in Nizza. Am 14. Juli abends wollten seine Frau und die Kinder noch mal auf die Strandpromenade. Gutjahr hatte vor, das vom Balkon aus zu filmen. Stattdessen kriegte er einen weißen Transporter vor die Linse, der schnell Fahrt aufnahm und bei seiner Terrorfahrt
86 Menschen tötete und ca. 300 verletzte.
Gutjahr schickte das Material an seine Redaktion, die es online stellte. Das Video verbreitete sich weltweit rasend schnell.
Zufällig war Gutjahr acht Tage später der erste Journalist, der miterlebte, wie ein Attentäter am Olympia-Einkaufszentrum
neun Menschen
erschoss. Das war psychisch belastend. Seither ist Richard Gutjahr Freiwild im Netz. Er hat 18 Monate Verleumdungen, Drohungen und digitales Kesseltreiben hinter sich. „Es gibt kaum eine Verschwörungstheorie, in die er nicht eingearbeitet wurde.“ Seine Frau ist Israelin. Insofern kann man die Verschwörungstheorie, je nachdem für welche Zielgruppe man nun hetzt, in verschiedene Richtungen drehen. Setzt man die Hashtags in Richtung
„Staatsfunk“ und „Mainstream“,
dann rotten sich die selbst ernannten „Reichsbürger“ zusammen. Setzt man den Akzent auf
„Israel“,
punktet man bei den Antisemiten. Und dann sind da noch die Anhänger einer
Weltverschwörungstheorie.
Für sie ist Gutjahr Teil der New World Order. Die Anhänger dieser Theorie glauben, dass ein internationaler Zirkel hinter den Kulissen daran arbeitet, ein supranationales, autoritäres Herrschaftssystem aufzuziehen.
Es liegt auf der Hand, dass nach solchen Verschwörungstheorien Gutjahr auch bei anderen Attentaten seine Hand im Spiel hatte. Sein Hotel in Nizza hieß „Westminster“. Das Londoner Attentat passierte auf der Westminster Bridge. Und Breitscheidplatz? Auch da war ein weißer Transporter im Spiel … Viele Video-Blogger haben aus der Hetze längst ein Geschäftsmodell gemacht. Gutjahr: „Aber das schlimmste waren oft gar nicht die Videos. Sondern die Kommentare darunter.“ Als er versuchte, Videos entfernen zu lassen, schickte Google den Hassproduzenten Gutjahrs Mail- und Postadresse. Die Verleumdungen im Netz verbreiteten sich in Windeseile.
Gutjahr hält das von der Bundesregierung durchgesetzte Netzwerkdurchsetzungsgesetz für völlig ungeeignet. „Gut daran ist nur, dass Facebook und Co endlich juristische Anlaufstellen hier im Land haben müssen.“ „Aber alles, was meine Peiniger an Lügen und Verleumdungen verbreitet haben, war vorher auch schon justiziabel.
Geltendes Recht wird einfach im Netz nicht umgesetzt.
Es wird bestimmt nicht besser, indem man die Rechtsdurchsetzung an die Privatwirtschaft delegiert.“
Gutjahr fürchtet zu Recht den
Kollaps der Demokratie.
„So als sei das Netz irgend so eine Randerscheinung des öffentlichen Lebens. Dabei wird hier in rasendem Tempo alles ausgehöhlt, was wir an stabilem System kennen. Und während wir in diesem Neuland noch tastend erste Schritte machen, haben die Trolle und Hater sich längst vernetzt und alle Tricks und Kniffe dieser Welt verinnerlicht.“ (Alex Rühle, SZ 17.1.18)