1806: Eugen Ruge erklärt uns Ostdeutschland.

Der studierte Mathematiker Eugen Ruge (geb. 1954) hat 2011 mit seinem Roman

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“

den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ich war von dem Buch begeistert. Aus genauer DDR-Kenntnis heraus beschrieb Ruge die vor sich gehenden Veränderungen bis ins Detail. Andreas Fanizadeh hat ihn für die taz (16./17.12.17) hauptsächlich zu Ostdeutschland interviewt. Ich bringe hier im Auszug nur die Antworten Ruges.

Ruge: Ich fand die DDR als Gegenstand für Literatur nicht oder nicht mehr interessant. Alles war klein und eng. Ich sah auch keine Zukunft, ich sah, dass die Zeit für dieses Land abläuft. Nicht so schnell, wie es dann geschah. Aber ich hatte keine Lust, darauf zu warten. …

(zu den politischen Verhältnissen in Ostdeutschland) Was soll man dazu sagen … Sicher gibt es auch ökonomische Gründe. Wenn auch nicht in diesem Sinne, dass es den Leuten jetzt materiell schlecht geht. Aber wenn ich mich in meiner Bekanntschaft umschaue, die

Brüche

sind enorm. Gerade in Biografien von Leuten meines Alters.Viele Leute wurden richtiggehend rausgeschleudert, oft aus Leitungspositionen. Viele haben sich irgendwie berappelt. Verdienen heute ihr Geld in Berufen, die sie nicht gelernt hatten, die sie vielleicht nicht mögen. Und was man im Westen oft gar nicht verstehen will, was Akkumulation von Erbe bedeutet. Die Ostdeutschen haben nichts geerbt. Die gehen einfach auf relativ dünnem Eis. Das Unbehagen vor weiteren Veränderungen ist im Osten von daher anders ausgeprägt als im Westen. …

Die Vereinigung war sicher gewünscht, aber ein Großteil der Leute wusste nicht, was sie bedeuten würde. Die Macher der Geschichte, die großen Unternehmen und die führenden Politiker, die wussten das schon. Man muss begreifen, dass daraus ein Großteil der heutigen Verunsicherung im Osten resultiert. Es war ja nicht nur ein ökonomischer Umbruch. Für Ostbürger hat sich alles verändert. Gewiss auch vieles zum Positiven! Aber die ganze Ikonografie ist plötzlich eine andere. Die Stadtbilder, alles sieht anders aus, sogar die Formulare. Wie man ein Bankkonto eröffnet, wie man eine Steuererklärung macht – alles ist anders. Die Brötchen, die Lebensmittel, die Teller, die Stühle, auf denen man sitzt. Man kann sich das als Westdeutscher wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Oder das Geld: Die Ostdeutschen haben in kürzester Zeit zwei Währungsreformen durchgemacht. Kaum hatten sie endlich die D-Mark, nach der sie sich gesehnt hatten, mussten sie sich auf den Euro umstellen. Man kann das belächeln, aber die D-Mark war für die DDR-Bürger Symbol für Wohlstand und Stabilität. …

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