Die 1941 in Bulgarien geborene Julia Kristeva ist eine Ikone des
Poststrukturalismus.
Die Psychtherapeutin und Philosophin war eine enge Kollegin von Roland Barthes. Sie hat über 30 Bücher zur Linguistik, zum Feminismus und zur Psychoanalyse geschrieben. Sie hat uns auch heute noch
sehr viel zu sagen.
Das zeigt ein Interview mit Jürgen Rühle (SZ 27.6.17):
Über die Franzosen:
„Die Franzosen sind tief deprimiert durch die Globalisierung. Die einen verhärten sich und werden Populisten oder Fundamentalisten. Die anderen versuchen einen Neuanfang und machen sich auf den Weg.“
Über Identität:
„Ein gängiger Versuch, den Identitätsverlust zu beheben, besteht darin, sich einer Bewegung anzuschließen: Da ich selbst niemand bin, versuche ich, wenigstens ein Teil einer Gruppe zu sein. Dort bekommt der Depressive endlich Antworten, die er selbst niemals finden kann.“
Über Depression:
„Meine Patienten sagen: Ich weiß nicht, wer ich bin, was ich will. Man hat alle Anker und Werte verloren, die Fähigkeit zu lieben, zu glauben. Die Depression ist also die Folge eines Identitätsverlusts.“
Über Schriftkultur/Bildkultur:
„Der Alltag läuft ja noch mehr über Bilder als damals. Bilder funktionieren unmittelbarer als die Sprache. Viele Menschen können ihre Befindlichkeit, Begierden, Ängste heute kaum in Worte kleiden.“
Über religiöse Bedürfnisse:
„Aber ich wusste .. schon, dass das religiöse Bedürfnis eine anthropologische Konstante ist.“
Über Fundamentalismus:
„Das Tempo der permanenten Veränderungen macht den Leuten genau so Angst wie die Vereinzelung und der politische Diskurs, der sich so stark auf ökonomische Zwänge verkürzt hat.“
Über Heilmittel:
„Man müsste vermitteln, was uns ausmacht. Uns Europäer. Das hieße, die Geschichte des Humanismus wieder neu zu lernen.“
Über Skepsis nationalen Kulturen gegenüber:
„Das fängt bei den Kreuzzügen an, geht über die Kolonialgeschichte bis hin zu den Weltkriegen und der Schoah.“
Über die französische Kolonialgeschichte:
„Die Kolonialgeschichte wurde nicht aufgearbeitet, und sie wird es bis heute in den Schulen nicht. Das Thema der französischen Schuld hat enorme Sprengkraft.“
Über junge Araber in Frankreich:
„Das Französische ist wie eine tote Haut. Das ist gefährlich, weil diese jungen Leute unter einer Persönlichkeitsspaltung leiden. Sie sind nicht im Krieg gegen Frankreich, aber sie leiden, ohne ihr Leid ausdrücken zu können. Beim geringsten Anlass können sie dann abdriften.“