1395: Hysterie in Identitätsfragen ?

Die Nachwirkungen der US-Präsidentschaftswahl sind noch lange nicht vorbei. Überall entzünden sich neue Diskussionen. Eine davon hat Mark Lilla angestoßen, der an der Columbia-Universität in New York Ideengeschichte lehrt und in der „New York Times“ Kommentare schreibt. Er ist für die SZ (29.11.16) von Meredith Haaf interviewt worden. In dem Interview erläutert er seine These vom Ende des

Identitäts-Liberalismus.

Auf Deutschland übertragen bedeutet das etwa das Ende der links-liberalen Hegemonie in Politik und Medien. Für Lilla hat sich die Möglichkeit, Trump zu wählen, für 2/3 der weißen Wähler ohne College-Abschluss und für 80 Prozent der weißen Evangelikalen ergeben,

„weil die liberalen Kräfte in den USA sich auf eine Art moralische Hysterie in Identitätsfragen verlegt haben.“

Sie beschäftigten sich mit den Chancen von Frauen und Minderheiten wie Afroamerikanern, Latinos, Lesben, Schwulen und Transgender-Aktivisten. Davon hätten die einfachen Leute genug. Sie wollten keinen elitären Partikularismus. Nach Mark Lilla benötigen wir die eine und einheitliche große Erzählung von Demokratie. Die marxistische Lehre von dem einen Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit und den anderen daraus abgeleiteten Nebenwidersprüchen sei zu simpel. Wir Menschen seien komplexer. Es reiche nicht zusagen, dass wir Identitäten hätten und diese konstruierten, sondern wir brauchten einen Entwurf für die ganze Gesellschaft.

Dem hat der SZ-Redakteur Lothar Müller ( 1.12.16) widersprochen, einer der scharfsinnigsten Analytiker von Politik und Philosophie in Deutschland. Er versteht die Geschichte seit der Erklärung der Menschenrechte in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 als

gestaffelte Inklusion.

Das Gleichheitsversprechen habe zunächst nur für Männer gegolten. Es sei nach und nach auf Frauen, Sklaven, Homosexuelle et alii ausgedehnt worden. Aber wir dürften nicht das gesellschaftliche Gesamtinteresse gegen Partikularinteressen ausspielen. Auch die Suggestion vom Gegensatz zwischen „Diversität“ und „sozialer Frage“ sei  verfehlt. Dem Diversitäts-Bashing sei zu misstrauen.

Müller spricht aber auch die Menschen an, die ihre sexuelle Identität zum Nabel der Welt machen und sich schon diskriminiert fühlen, wenn jemand das nicht so wichtig findet. Er kommt auf die vielen Beleidigten zu sprechen, die nur dann nicht beleidigt sind, wenn wir die Identität, die sie für sich reklamieren, hofieren. Und dann geistern im Netz ja noch ca. 69 Geschlechter herum, über die ich im Moment keinen vollständigen Überblick habe. Etc.

Meine Frage: Was machen wir mit den vielen Wählern, die nicht einsehen wollen, dass Lothar Müller Recht hat und seine Analyse stimmt?

 

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