1379: Manès Sperber als Ratgeber für Wolf Biermann

Für meine Begriffe ist Wolf Biermanns Bedeutung anlässlich seines 80. Geburtstags und angesichts seiner Autobiografie

Warte nicht auf bessre Zeiten. Die Autobiografie. Berlin, 576 S., 28 Euro,

in den führenden deutschen Blättern noch nicht richtig gewürdigt worden (daran ändern auch die Beiträge von Durs Grünbein, FAZ 12.11.16, und Marko Martin, Welt 12.11.16, kaum etwas). Vielleicht hätte man dafür tatsächlich sehr viel Platz gebraucht. Denn Biermanns Rolle als Kommunist und Liedermacher bis zu seiner Ausbürgerung aus der DDR 1976, seine Leitfunktion für die deutsche Vereinigung und sein Antikommunismus ungefähr seit 1980 sind für einfache Gemüter schwer zu fassen, für Linke kaum zu ertragen. Dort wird er gehasst.

Wolf Biermann befürwortete das Eingreifen der NATO im Kosovokrieg 1999 und den ersten Irak-Krieg der USA und ihrer Verbündeten 2003 gegen Saddam Hussein. 2007 erhielt nach lagem Hin und Her die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Der SPD fiel die Zustimmung schwer, nachdem Biermann ihre Koalition mit der PDS als Bündnis von „bankrotten sozialdemokratischen Apparatschiks“ mit „MfS-Kadern“ bezeichnet hatte. 2013 bekannte Biermann, er werde CDU wählen und empfahl Angela Merkel als Kanzlerin. Usw.

Weithin unbekannt ist der Einfluss, den der Sozialpsychologe und Schriftsteller Manès Sperber (1905-1984) Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre in Paris auf Biermann ausgeübt hat. Sperber stammte aus dem seinerzeit österreichischen Galizien und schrieb deutsch. Er war ein Schüler des Begründers der Individualpsychologie

Alfred Adler (1870-1937)

und wurde in Wien dessen Mitarbeiter. 1927 zog Sperber auf Geheiß Adlers nach Berlin und trat der

KPD

bei. Fortan bemühte er sich, die Erkenntnisse der Psychologie für die Arbeiterbewegung nutzbar zu machen und sie für die Gesellschaftsanalyse zu verwenden. 1933 wurde er als Jude und Kommunist in „Schutzhaft“ genommen. Er konnte nach Österreich ausreisen und war danach in Sonderaufträgen der Internationale unterwegs, u.a. in Jugoslawien 1934. 1935 gelangte er nach Paris, wo er eng mit dem kommunistischen Chefpropagandisten

Willi Münzenberg (1889-1940)

zusammenarbeitete. Beide wandten sich unter dem Eindruck des mörderischen Stalinismus vom Kommunismus ab. 1942 konnte Manès Sperber in die Schweiz fliehen.

1950 regte er mit seinem Freund

Arthur Koestler (1905-1983)

den internationalen antikommunistischen „Kongress für kulturelle Freiheit“ in West-Berlin an. Sperber hat eine viel beachtete und mit autobiografischen Zügen versehene Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ geschrieben, in der die Entwicklung des Kommunismus zwischen 1930 und 1945 reflektiert wird. Der WDR hat 1970 daraus ein Fernsehspiel gemacht. Sein Autor Manès Sperber brachte Ende der siebziger Jahre in Paris Wolf Biermann endgültig vom Kommunismus ab.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.