Als Peter Weiss‘ „Roman“ „Die Ästhetik des Widerstands“ (1975/78/81) vollständig erschienen war, entstanden an der Universität Göttingen gleich Lese- und Diskussionszirkel auf der Linken dazu. Ich habe mich daran nie intensiv beteiligt, was mir später leidtat, als Weiss‘ Hauptwerk als solches wahrgenommen wurde. Es beschäftigt sich mit dem Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus und integriert immer wieder autobiografische Perspektiven von Peter Weiss. Es ist wohl ein Jahrhundertwerk mit Ecken und Kanten, ein „sperriger, mehrdeutiger und überbordender Roman“ (Helmut Böttiger, SZ 8.11.16). Die negative Kritik daran ist hauptsächlich politisch motiviert und arbeitet mit den Vokabeln „unklar“, „schwammig“ und „raunend“.
Peter Weiss wurde in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie geboren. Weil der Vater jüdischer Herkunft war, wurde die Familie, die ursprünglich in Berlin und Bremen angesiedelt war, von den Nazis durch Europa gejagt: London, Tschechoslowakei, Stockholm. Der Vater war überall wirtschaftlich erfolgreich. Schon als Schüler in Deutschland zeigte Peter Weiss großes Interesse an der Malerei und am Fotografieren. In London starb seine Schwester Margit 1934 bei einem Autounfall. Der „Anfang von der Auflösung unserer Familie“. Peter Weiss gelangte über die Schweiz nach Schweden. Er war schließlich bis zu seinem Tod 1982 schwedischer Staatsbürger.
In Schweden erlebte Weiss die konkreten Probleme der Emigration aus erster Hand. In erster Linie mit der Sprache. Aber auch mit der Familie. Er hat sich zwei ausführlichen Psychoanalysen unterzogen. Peter Weiss studierte und lehrte in Stockholm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Filmtheorie und -praxis. Er hat selbst 16 Experimental- bzw. Dokumentarfilme gedreht. Daneben aber immer geschrieben. 1952 erschien sein „Mikro-Roman“
„Der Schatten des Körpers des Kutschers“
bei Suhrkamp. Weiss galt fortan als literarischer Avantgardist. Nach dem Tod seiner Eltern erschienen 1961 seine Erzählung „Abschied von den Eltern“ und 1962 der Roman „Fluchtpunkt“, in denen er sich autobiografisch äußert. Ich habe beide Bände sofort gelesen, weil mein Freund Wolfgang Spethmann gute Beziehungen zum Delmenhorster Buchhandel unterhielt und mich aufmerksam machte. Wer in oder bei Bremen aufgewachsen ist, spürt die Relevanz der Beschreibungen darin.
Peter Weiss‘ Theaterstücke „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ (1964) und „Die Ermittlung“ (1965) wurden riesige Erfolge. Erwin Piscator und Peter Palitzsch schalteten sich in die Publizierung und die Inszenierungen ein. Grundlage der „Ermittlung“ war der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965). Peter Weiss politisierte sich immer mehr. Er nahm am Russel-Tribunal gegen den Vietnamkrieg teil. Bei seiner kritischen Beobachtung der Bundesrepublik und der DDR gab er letztlich der DDR den Vorzug. Er wusste wohl nicht genug. Er verfasste schließlich 1965 „10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt“.
Peter Weiss hat zahlreich wichtige Preise bekommen. Darunter den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg (1965), den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste (DDR) (1966), den Literaturpreis der Stadt Bremen (1982)und schließlich den Georg-Büchner-Preis (posthum am 15. Oktober 1982). Kurz davor war Weiss an einem Herzinfarkt in Stockholm gestorben. Er gilt heute als einer der größten deutschen Schriftsteller nach 1945. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war sein Hauptthema. 2016 sind mehrere Biografien und Monografien über ihn erschienen.