Als ich mich das letzte Mal hier unter Nr. 1048 (am 10.10.15) mit der „deutschen Leitkultur“ befasst habe, nahm ich die Sache zu leicht. Im Grunde genommen war es ein Kneifen; denn ich stellte ab auf die Grundrechte (Artikel 1-19 GG) und die deutsche Sprache (für die rief ich dann von Gotthold Ephraim Lessing bis Martin Walser einige angesehene Schriftsteller auf den Plan). Beide gehören schon dazu. Aber ich befasste mich nicht mit dem, was wir allgemein die „Sitten und Gebräuche“ nennen und worin gerade das spezifisch Deutsche zum Ausdruck kommen kann. Unter Nr. 1126 (5.1.16) hatte sich der Schriftsteller Martin Mosebach mit der Frage „Was ist deutsch?“ beschäftigt und war hauptsächlich auf den „firnen“ Wein (in erster Linie Riesling) und das bayerische Bier gekommen. Das überzeugt mich im Detail.
Argumente gegen das Bestehen einer „deutschen Leitkultur“ liefert Jens Jessen (Die Zeit, 22.9.16). Er schreibt: „Die Wahrheit über unsere Gesellschaft heißt: Es gibt keine faktisch leitende Kultur. Es gibt noch nicht einmal leitende Tischsitten. Deutsch ist es ebenso sehr, mit Fingern vom Pappteller zu essen wie mit Silberbesteck von Meißener Porzellan. Zu den Kulturen im engeren Sinne kommen die dramatisch verschiedenen Herkunfts- und Erziehungswelten. Gehört der Blazer zur Leitkultur oder die Jogginghose? Spricht man Dialekt oder Hochsprache? Steht man auf, wenn eine Dame an den Tisch tritt? Wo lässt sich überhaupt der Begriff der Dame noch verwenden? Es gibt die Milieus, die antiquiert genug dafür sind – ebenso wie jene, in denen die bourgeoisen Relikte gehasst werden. Und übrigens: auch das christliche Abendland wimmelt von Atheisten, auch diese blicken auf eine vielhundertjährige Tradition zurück.
Deutschland besteht seit Generationen, auf jeden Fall schon lange vor der Ankunft einer nennenswerten Menge von Fremden, aus einer Vielzahl von Parallelgesellschaften. Sie verstehen sich nur mühsam, manche hassen sich, die meisten ertragen einander seufzend. Es gibt Familien mit faschistischer und mit antifaschistischer Vergangenheit. Es gibt kommunistische und antikommunistische, katholische und protestantische Traditionen. Sie alle schlagen sich auch in Habitus und Lebensgewohnheiten nieder. Das Tatoo markiert nur eine der aktuellen Scheidelinien, an denen das gegenseitige Verständnis endet. Warum sollte der Schleier so viel schlimmer sein?
Mit anderen Worten: Der Begriff der Leitkultur richtet sich nicht zuvörderst an die Migranten. Er bedroht jeden einzelnen Deutschen in seiner Lebenswelt. Wer ist im Besitz der Leitkultur? Wer darf definieren, was gilt? Mein Nachbar oder ich? Der Sinn und Segen einer pluralistischen Gesellschaft, die keine privilegierten Lebensweisen kennt, besteht vor allem darin, die Bürger daran zu hindern, übereinander herzufallen, und dem Einzelnen die Wahl seiner Gewohnheiten zu lassen. Aber natürlich hat es immer Gegner des modernen Gewimmels, des Durcheinanders der Stile und Sitten gegeben. Manches spricht dafür, dass die vehemente Ablehung der Flüchtlinge nur Ausdruck einer schon zuvor virulenten Überforderung ist, die man indes nicht artikulieren wollte.“
Und was bin ich nun selbst? Antiquiert. Ohne Tattoo. Stehe auf, wenn Damen an den Tisch kommen. Schätze Verschleierte nicht. Mag die deutsche Sprache (Dialekt und Hochsprache). Trage keine Jogginghosen. Bildungsbürgertum nennt man das gewöhnlich. Heute abend gehen meine Frau und ich in die Oper (nach Kassel). Darauf freue ich mich schon. Dann habe ich einen Anzug an und trage eine Krawatte. Das tun viele männliche Opernbesucher aber nicht. Einmal abgesehen von den Erwachsenen, die stolz darauf sind, dass sie keinen Schlips besitzen. Etc.
Deutet sich darin nun nicht doch der Untergang des Abendlands an? Nein! Denn das Abendland war schon immer so unordentlich, wie es heute auch noch ist. Es gab und gibt Katholiken und Protestanten, Juden, Muslime (z.B. in Bosnien), Zigeuner, Atheisten, Kommunisten usw. Und sie alle gibt es auch in Deutschland.