1303: Ernst Nolte gestorben

Während unseres diesjährigen, ausführlichen Frankreich-Aufenthalts ist Ernst Nolte gestorben. Er war der Historiker, der am 6. Juni 1986 durch seinen FAZ-Beitrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ den „Historiker-Streit“ in Gang gesetzt hatte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. 2. Aufl. Hamburg 2009, S.44-61). Dieser wurde seinerzeit als hegemonialer Diskurs der deutschen Identitätsbildung betrachtet. Daran beteiligt waren so prominente Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas, Noltes Haupt-Antipode, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer. Aber auch Autoren wie Rudolf Augstein, Joachim Fest, Eberhard Jäckel, Jürgen Kocka, Martin Boszat, Hans Mommsen und Heinrich August Winkler nahmen vehement an dem Streit teil.

Nolte hatte gefragt: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgelichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ Ernst Nolte sah hier einen „kausalen Nexus“. Das war hinreichend verschwurbelt und trug insofern dazu bei, dass der Konflikt um so heftiger wurde.

Nolte war im Zweiten Weltkrieg aus Gesundheitsgründen vom Kriegsdienst befreit gewesen und hatte in dieser Zeit Philosophie, Germanistik und klassische Philologie studiert. U.a. bei Martin Heidegger in Freiburg. Nolte war deswegen stets mehr als ein Historiker, er war ein Geschichtsphilosoph, der sich mühte, die letzten großen Fragen zu beantworten. Sein Standardwerk

„Der Faschismus in seiner Epoche“

von 1962 ist auch heute noch ein Standardwerk (wie u.a. Maxim Biller hier unter der Nr. 1299 behauptet hat).

Ernst Nolte geriet, wie sich denken lässt, nach dem „Historiker-Streit“ in eine „fühlbare Isolation“. Teils wegen der harten Angriffe auf ihn, teils aus eigenem Ungeschick. Dabei hatte Wolf Biermann schon 1992 befunden: „Darf man, kann man, soll man Auschwitz vergleichen mit irgendetwas, etwa 50 Millionen Opfern des Stalinismus? Soviel Philosophie zum praktischen Gebrauch müsste in den Schrumpfköpfen doch drin sein: Man darf! Ihr lieben Kindlein!!“ („Der Spiegel“ vom 13.1.1992, S. 166)

Lorenz Jäger, FAZ 19.8.16; Peter Körte, FAS 21.8.16; Patrick Bahners, FAS 21.8.16

 

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