Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger (geb. 1931) hat 1992 mit „Weiter leben“ einen allgemein anerkannten Bestseller vorgelegt. Sie setzt sich darin auseinander mit ihrem Leben im KZ. Für ihr Buch „Die letzten Dinge“ hat die „Zeit“-Literaturchefin Iris Radisch Ruth Klüger interviewt (auch abgedruckt in der „Zeit“ vom 24. September 2015).
Zeit: Was hätten Sie im Rückblick unbedingt anders machen sollen?
Klüger: Was mir am meisten leidtut, ist, dass ich in Amerika gelandet bin und nicht in Israel. In Israel hätte ich zu einer Mehrheit gehört. In Amerika wurde ich als fremd eingestuft. Ich habe das lange nicht einsehen wollen, dass man in Amerika niemanden haben wollte, der wie ein Mahnmal herumläuft. Ich hatte ja diese KZ-Nummer auf meinem Arm. Das ist mir nicht eingefallen, dass das so wirken könnte. Für mich war diese Nummer ein Teil meines Lebens, und ich kannte so viele Leute, die auch eine hatten. Nein, Amerika war das falsche Land.
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Zeit: Warum mussten Sie beinahe 60 Jahre alt werden, um Ihre Erinnerungen an Auschwitz aufzuschreiben?
Klüger: In der ersten Zeit und viele Jahre nach dem Krieg haben sich vor allem Männer zu Wort gemeldet. Sie schienen diejenigen, die etwas zu sagen hatten. Ich bin mir da nicht wichtig genug vorgekommen, ich war damals ja noch ein Kind und hatte die Kinderperspektive. Für mich hat dann die Frauenbewegung mit reingespielt, die ungeheuer wichtig war für mich.
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Zeit: Ihre Freundschaft zu Ihrem Jugendfreund Martin Walser war immer ein Gradmesser für Ihr Verhältnis zu Deutschland.
Klüger: Solange ich mit ihm befreundet war, mochte ich ihn. Aber ich sehe, dass ich einen Fehler gemacht habe, indem ich nicht richtig eingeschätzt habe, wie er zu Juden steht. Was er in seinem Roman „Tod eines Kritikers“ (ein Schlüsselroman, dessen Hauptfigur an Marcel Reich-Ranicki angelehnt war, Anm. d. Red.) geschrieben hat, ist so ungut, dass ich mit ihm nicht wieder an einem Tisch sitzen möchte. Für mich ist es eine große persönliche Enttäuschung. …