Latein gilt als tote Sprache. Besonders bei denen, die sie nicht kennen oder gar beherrschen (vgl. hier den Beitrag 755 „Politiker verstehen Latinum nicht.“ vom 3.12.14). Dabei liegt es bei den Fremdsprachen hinter Englisch und Französisch an der dritten Stelle. Nach einem Nachfrage-Boom in den neunziger Jahren lernen heute neun Prozent aller Schüler Latein. Wenn schon die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht, möchten manche Eltern, dass ihre Kinder daraus hervorstechen. Im Zuge des Bologna-Prozesses (weniger Freiheit, Verschulung, detaillierte Lernziele, Leistungspunkte, Ruck-Zuck-Mentalität) ist Latein als Voraussetzung für viele Studienfächer ja nicht mehr erforderlich.
Bei der Beurteilung des Lateins bilden Bochumer Studenten, die das Fach als „Luxusfach“ betrachten, und Altphilologen, die bei Abschaffung des Lateins den Untergang des Abendlands kommen sehen, die Extreme. Beide haben nicht Recht. Wir sollten uns von Horaz leiten lassen:
„Est modus in rebus, sunt certi denique fines,/quos ultra citraque nequit consistere rectum.“
In freier Übersetzung: Bei allen Dingen ist das rechte Maß zu finden, außerhalb gewisser Grenzen entsteht meist Murks. Und es gilt wohl auch:
„Tempora mutantur, et nos mutamur in illis“ (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen).
In der römischen (und griechischen) Antike wurzelt die westliche Kultur, sie brachte literarische, rhetorische und philosophische Meisterwerke hervor, die Bestand haben. Natürlich kann ich davon auch im Geschichtsunterricht lernen oder durch die Lektüre von Übersetzungen. Als Alternativen zum Latein bieten sich Französisch, Italienisch und Spanisch an. Heute hat uns Isabel Allendes „Das Geisterhaus“ so viel zu sagen wie Caesars „De bello gallico“. Jean-Jacques Rousseau ist so wichtig wie Tacitus. Und wir kennen den Satz
„Non scholae, sed vitae discimus.“ (Das versteht jeder.)
Latein ist ein „Lernfach“. Hier kann man das Lernen lernen. Auch für andere Sprachen. Es gibt Orientierung für Kultur, Philosophie und Politik. Hier geht es um die Bildung von Menschen und nicht nur von Arbeitskräften. Und selbstverständlich gehört Latein für alle Philologen zum Grundwissen. Auch wenn manche Universitäten die Pädagogik als fünftes Rad am Wagen betrachten und deswegen die Lehre in diesem Fach so grottenschlecht ist.
Im Internet hat Latein erwartungsgemäß keinen guten Ruf. Und es bringt machmal einen Typus von Lehrer hervor, der gerade deshalb so liebenswert erscheint, weil er einer der letzten professionellen Vertreter institutionalisierter Nutzlosigkeit ist, den Gegentyp des „modernen“ Lehrers. Latein folgt ähnlich wie die Mathematik und die Musik logisch stringenten Regeln. Die Schüler müssen sich der Harmonie der Grammatik fügen, Standpunkte, Meinungen, Kommunikationskompetenzen führen hier nicht weiter. Und die eigentümliche Musikalität des Hexameters erschließt sich nicht jedem sofort (Johann Osel, Roland Preuss, SZ 22.12.14; Jan Grossarth, FAZ 27./28.12.14).
Mein Vorschlag: wir behalten Latein als Unterrichtsfach für die Elite.