2865: Unterläuft unsere Sprechweise den Gender-Fortschritt ?

Aufgeklärte Menschen wissen seit eh und je, dass unsere Sprache sehr wichtig ist. Aber nicht nur ihr Stil und ihr Inhalt, sondern gerade unsere Sprechweise selbst. Es ist bekannt, dass es viele befremdete, wenn Elias Canetti über seine Romane mit seiner

dünnen Fistelstimme

sprach oder aus ihnen las. Eigentlich waren Frauen und Männer dabei, sich stimmlich anzunähern. „In Ländern, in denen die Emanzipation besonders weit fortgeschritten ist, zum Beispiel in Skandinavien, sprechen Frauen besonders tief.“ (Darüber schreibt Martin Hecht in der „Zeit“ vom 14.5.20.)

Nun bekommen wir es mit einer Gegenbewegung zu tun. Sie interessiert sich nicht für Politik oder Schönheit, sondern stammt aus der Werbung. Und da zählen nur verkaufte Produkte und Dienstleistungen oder Wählerstimmen. Quietschende weibliche Stimmen klingen für viele emotional und erotisch. Das männliche Pendant dazu kommt möglichst tief und kernig daher. Anscheinend kann Werbung (auch in den Medien) so erfolgreich sein. Die so inszenierte Sprache zeigt „die Sehnsucht nach der traditionellen binären Ordnung zwischen den Geschlechtern, dem starken, kraftvollen und auch stimmlich markanten Mannsbild und dem süßen, schutzbedürftigen Weibchen“. Dahinter steht ein Frauenbild, „das Frauen als Mädchen präsentiert, die süß, goldig und ungefährlich sind – und als Gegenpart einen Retter und Helden brauchen“.

Sprachwissenschaftler beobachten einen Trend zu mehr infantil-weiblicher Piepsigkeit und männlichem Brummsprech in Nachmittagsserien, im Spielfilm, in Videospielen und in der Werbung. Das geht in eine Richtung, „in der Frauen wieder sexy-feminin rüberkommen wollen, während die klassische Virilität von den männlichen Sprechern wiederentdeckt wird“. In der Synchronisation kommen beim Eindeutschen von Serien und Spielfilmen statt Profis alter Schule vermehrt Akteure zum Einsatz, die das Sprechen in Crashkursen gelernt haben. „Ausgebildete Stimmen“ gelten zunehmend als zu glatt und distanziert. Es setzt sich allmählich die Sprechweise durch, in der verkauft und aufgeschwatzt wird.

Früher waren die Chefrhetoriker Priester und Pastoren. Sie waren von der Kanzel zu hören. Ihnen folgte das Sprechtraining in Schauspielschulen. Heute (ungefähr seit den sechziger Jahren) tritt mehr „Launigkeit“ in den Vordergrund, mehr die Persönlichkeit des Akteurs. Wahrscheinlich manifestiert sich im medialen Sprechen eine regelrechte Geschlechter-Restauration. „Im Buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts inszenieren die Teilnehmer vermehrt Weiblichkeit oder Männlichkeit. Und dann piepst und brummt es eben wie in der Fernsehwerbung.“

Falls es stimmt, dass die Gegenbewegung in der Sprechweise eher unserer unbewussten Triebstruktur entspricht, dann hat das gender-bezogene Modernisieren kaum eine Chance. Wäre das schlimm?

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